Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Meinem Freund Phil.


~ Triggerwarnung: Trauer, Abschied ~


Ich hielt Ausschau nach einer kleinen Frau. Ich würde sie das erste Mal in der Realität erleben, nach Jahren des digitalen Disputs. Es war schwer. Die Massen an jenem frühen Abend auf dem Weihnachtsmarkt machten das Vorhaben zu einer nahezu unmöglichen Aufgabe. In der Richtung, in die ich unentwegt leicht nervös starrte, ragte stattdessen etwas heraus, das meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Ein groß gewachsener Mann. Kräftig gebaut, ein dichter Bart und buschige Augenbrauen umrahmten dessen leicht gerötetes Gesicht. Vervollkommnet wurde der Anblick durch seine langen, wild fallenden Haare, grob zusammengebunden zu einem Pferdeschwanz, sowie dem in die Jahre gekommenen, trotz der winterlichen Temperaturen offen getragenen, bodenlangen, schwarzen Ledermantel. Und plötzlich stand diese angsteinflössende Gestalt direkt vor mir. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Neben ihm die kleine Frau.

Dieser erste Eindruck von ihm war stets der Inbegriff der falschen Vorurteile. Wer sich auf seine erste Meinung verließ, sollte eine großartige Person verpassen. Denn hinter der wilden Fassade wohnte eine sanftmütige und lebensfrohe Natur.

An jenem Abend vor sehr vielen Jahren war ich wirklich nervös. Die digitalen Dispute mit Phils neuer Lebensgefährtin waren selten etwas, das man als harmonisch bezeichnen könnte. Lange hatte ich damit gerungen, überhaupt zu jenem Treffen der Community zu fahren. Doch dieser imposante, mir eigentlich unbekannte Mann an der Seite von Patti sorgte augenblicklich für eine überraschende Entspannung. Patti ist bis heute meine beste Freundin. Dank ihm.

Phil hatte seit jeher unmenschliche Kämpfe gegen seinen eigenen Körper auszutragen. Genug für ein dutzend Leben. Kannte man ihn nicht, merkte man es ihm niemals an – und selbst wenn man ihn kannte, war es ihm nur schwer anzusehen. Ich fand es immer imposant, mit welcher Selbstverständlichkeit er dann irgendwo den Stapel seiner Medikamente aus der Tasche holte, vor sich aufbaute, wie ein Kartenhaus, um sie dann bei bester Laune jedem Gegenüber über Stunden hinweg zu erklären – und sie sich dann hinterzukippen, wie andere ihren Kurzen – verdünnt mit einem kräftigen Schluck Eistee direkt aus der Packung. Mitleid brauchte er nicht. Mitleid wollte nicht. Er war stark genug.

Überhaupt beherrschte Phil die Rolle des Alleinunterhalters wie kein zweiter – und das im positivsten aller Sinne. Er war immer neugierig und unfassbar wissbegierig. Je nischenhafter und nerdiger das Thema, desto tiefer stand er im Stoff. Er war sich nie zu schade, dieses Wissen mit seinem typischen Grinsen im Gesicht, garniert mit seinem einzigartigen, liebenswürdigen Humor, mit allen anderen zu teilen.

Es gibt nur ganz wenige Menschen, die ich niemals schlecht gelaunt gesehen habe – er gehört dazu. Phil hatte stets für jeden ein Lächeln mit schalkhaftem Glitzern in den Augen, ein aufmunterndes Wort oder eine helfende Hand übrig. Egal, wann man ihn um Hilfe bat, man konnte sich sicher sein, dass alles versucht wurde, für einen da zu sein. Seine Güte kannte keine Grenzen. Außerdem war Phil einer jener seltenen Menschen, der bei aufkommenden Dissonanzen den Kitt darstellte, um eine Gruppe zusammenzuhalten. Er war immer unser weißer Ritter. Phil war ein Freund.

Phil war mein Freund.

Phil hatte den falschen Körper. Er verlor schließlich einen jener unmenschlichen Kämpfe. Es ist einfach nur unfair. Er hat es nicht verdient. Dieser herzensgute Mensch am Allerwenigsten.

Phil hinterlässt ein tiefes Loch im Herzen seiner Angehörigen und seiner unzähligen Freunde. Phil, du fehlst uns so sehr.

Danke für einfach alles!

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1982 – 2026

Foto: Patti