Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Alternativfußball – Filmtipps

So, die recht fragwürdige Fußball-WM ist (beinahe) vorbei. Und sicherlich fragt ihr euch alle, was ihr nun mit euren freigewordenen Abenden und Nächten anfangen könnt. Hier kommt die gute Nachricht: Noch mehr Fußball schauen! Schöneren Fußball!

Ob der Fußball an sich besser ist, mag man danach für sich selbst entscheiden. Doch schöner ist das Drumherum auf jeden Fall, das kann ich versprechen. Ich habe zwei Filmempfehlungen für alle, die Fußball mögen und gern über den Tellerrand hinausschauen. Aber auch für Leute, die Fußball aus den verschiedensten Gründen ablehnen, sei es, weil die Protagonisten zu gut bezahlt sind, sei es, weil der Kommerz über den Sport gestellt wird oder sei es, weil die Spieler, Trainer und Manager einfach nur unfassbar weltfremd und unnahbar sind. Diese beiden Filme zeigen das absolute Gegenteil. Sie handeln von Menschen, die einem überall begegnen können, von Menschen, denen der Fußball das Leben ein bisschen erträglicher macht. Dabei ist der Fußball lediglich das Medium, das die wunderbaren Geschichten trägt.


Wochenendrebellen (2023)

© by Wiedemann & Berg Filmproduktion

Filme aus Deutschland, die ich wirklich gut finde, kann ich an maximal zwei Händen abzählen. Aber dieser hier hat mich überrascht. Umso mehr, weil er scheinbar von Fußball handelt – und noch mehr, weil er einen Autisten als Hauptperson hat, was eigentlich immer aufgrund von schlecht recherchierten Vorurteilen zum Fremdschämen verdammt ist.

Wochenendrebellen handelt von einem Kind, einem Autisten, wie ihn jedes Lehrbuch beschreibt: Ein engmaschiges Netz aus seltsam erscheinenden, sich teils selbst widersprechenden Regeln bestimmen sein Leben. Tägliche Konfrontationen mit einer Vielzahl von kaum aushaltbaren Reizen sowie unverständlichen und verständnislosen Verhaltensweisen seiner Mitmenschen bringen ihn immer wieder zum Zusammenbruch, den klassischen Meltdowns, oder cholerischen Übersprungshandlungen.

Als im Ruhrpott lebender Mensch wird er unweigerlich konfrontiert mit der Frage nach seinem Lieblingsverein. Wie ich es selbst vor einiger Zeit beschrieben hatte, ist auch Jason nicht klar, was er davon halten soll. Wie man denn Fußballfan werden würde, diese Frage wird ihn beschäftigen und in der Folge auch uns. Sein Großvater erklärt ihm, dass es wohl der Heimatverein wäre, worauf Jason kontert, dass seine Eltern unterschiedlichen Vereinen zujubeln. Damit sei das Argument also Quatsch und die Wahl des Vereins eigentlich nur reiner Zufall. Wild entschlossen, dennoch ebenfalls einen Lieblingsverein haben zu wollen, präsentiert er seinem Vater die Lösung:

„Ich muss mir erst alle [Vereine] anschauen bevor ich mich entscheide.“

Vater: „Im Fernsehen…“

„Nein, im Stadion natürlich. Man muss doch rausfinden, ob der Verein nachhaltig ist, ob die Toiletten behindertengerecht sind, sowas halt. Das sieht man doch nicht im Fernsehen.“

Was folgt ist eine Reise zu allen 54 Profivereinen der ersten drei deutschen Fußballligen – und die Prüfung seiner eisernen Regeln durch das reale Leben auf den vielen Zugreisen und Stadionbesuchen. Der Fußball tritt in den Hintergrund. Der Film schafft es stattdessen, das Gefühlsleben des Autisten Jason zu präsentieren, zu reflektieren und die möglichen Auswirkungen auf ihn selbst und seine Mitmenschen einzuordnen.

Nicht immer bin ich als ebenfalls Betroffener mit allen Darstellungen von Jasons Verhaltensweisen einverstanden, doch ich sehe auch, dass ein Spielfilm keine vollständige psychologische Abhandlung sein kann. Mit dem Hintergrund und den daraus resultierenden Einschränkungen empfinde ich ihn als durchaus gelungen. Denn tatsächlich habe ich mich in allen, wirklich allen, seinen Gedanken in irgendeiner Art wiedergefunden. Ich kann alles, was er tut, vollständig nachvollziehen und habe oft genug ähnlich empfunden. Gerade in meiner Jugend und Kindheit befand ich mich häufig in ähnlichen Situationen, hilflos dem Unverständnis der anderen Menschen ausgeliefert – und zum Teil ebenso heftig (über)reagierend – die einzige Chance, die in sich wallenden und kämpfenden Gefühle in den Griff zu bekommen, ihnen ein Ventil zu geben. Gefühle, die andere nicht verstehen. „Krieg im Kopf“. Diesen Begriff prägt der Film und ich habe meine Gedankenwelt noch nie so treffend in drei Wörtern beschrieben gefunden.

Ich kann allen diesen Film nahelegen, die Lust haben auf ein Abenteuer, das das Wesen eines Fußballfans ergründen möchte und dabei das Wesen eines in der Masse verlorenen, aber tapfer kämpfenden Autisten präsentiert. Ein gelungener Spagat.

Momentan gratis in der ARD-Mediathek zu erleben.


The Beautiful Game (2024)

© by Netflix

Die Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosen. Noch nie hatte ich davon gehört, als mir der Film auf Netflix vor einigen Jahren vorgeschlagen wurde. Jetzt kenne ich sie – und werde sie dank des Films wohl nicht mehr vergessen.

Die Handlung ist kurz skizziert: Jedes Jahr seit 2003 findet in einem wechselnden Ort ein Straßenfußballturnier statt. Die antretenden Mannschaften repräsentieren ein Land. Deren Spieler sind allesamt von dort stammende Obdachlose. Durch private Initiativen gelingt es, für diese Menschen eine Reise und eine Unterkunft für das Turnier zu finanzieren. Eine Möglichkeit, ihnen eine Perspektive zu eröffnen oder einfach nur Freude zu schenken. Viele Teilnehmende treffen das erste Mal überhaupt auf andere Kulturen und andere Sitten – und haben trotzdem, oder gerade deswegen, den Spaß ihres Lebens.

Auch hier tritt der Fußball eigentlich in den Hintergrund. The Beautiful Game erlaubt eine behutsame, respektvolle Näherung an das Tabuthema Obdachlosigkeit. Eingebettet in eine größere Geschichte, bringt er persönliche Tragödien nahe, erzählt von der Einfachheit und der Vielzahl der Möglichkeiten des gesellschaftlichen Absturzes. Er zeigt, was eigentlich normal sein sollte, sie zeigt, Obdachlose sind auch Menschen. Menschen, mit individuellen, sehr harten Schicksalen. Manche können etwas dafür, andere weniger. Der Film ermöglicht einen Blick auf die Menschen, die draußen ignoriert werden, bei deren Anblick sich viele angewidert wegdrehen. Doch das verbindende Glied, die Freude am Turnier, die Freude an der Reise, die Freude, Gleichgesinnte zu treffen und mit ihnen zu feiern, sorgt dafür, dass Ton stets positiv bleibt und der Film damit nicht als Tragödie wahrgenommen wird, sondern als herzliches, liebevolles Erlebnis.

Mir persönlich hat The Beautiful Game sehr viel gegeben. Vieles zum Nachdenken, vieles zum Schmunzeln, und ja, auch einen anderen Blick auf die vielleicht schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft.