Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Fantasy Filmfest – Ein Abgesang

Das Fantasy Filmfest ist mir ein kleines, wenn auch nicht dogmatisches Heiligtum. Dieses Jahr jährt sich meine unregelmäßige, aber stetige Teilnahme zum unglaublichen fünfzehnten Mal. Auch wenn ich geschworen hätte, bereits 2010 dabei gewesen zu sein, rückt mein früherer Blog meine Gedächtnisschwierigkeiten unwiderlegbar gerade. Ich bin gerade sehr glücklich, dass jener Artikel tatsächlich noch den Beginn meiner durchaus durchwachsenen Beziehung zum Festival dokumentieren konnte, denn nur gut zwei Monate später hatte ich entschieden, den dortigen Blog zu beenden. Doch so ergibt sich die großartige Möglichkeit, einen schönen Vergleich zu damals ziehen zu können. Wenn jemand, wie offensichtlich meine eigene Wenigkeit selbst, nicht mehr voll auf dem Schirm hatte, wann oder was mir damals durch den Kopf ging, dem empfehle ich vorab die entsprechende Lektüre:

~ Bits und andere Biester: Ein spontaner Kinobesuch ~

Man darf sich von dem Fantasy im Titel des mittlerweile knapp vierzig Jahre bestehenden Filmfests nicht allzu sehr täuschen lassen, es könnte nach hinten losgehen. Doch genau das tat ich im Jahr 2011. Bekanntermaßen reizt mich alles, was mit Fantasy im weitesten Sinne zu tun hat: Magische Schwerte, verzauberte Welten, fremde Geschöpfe, unbeirrbarer Heldenmut, kunstfertige Rüstungen, sprechende Tiere, fliegende Inseln. Ein mehrtägiges Festival nur für mich?

Ich haderte sehr lang mit dem Namen, und tue es im Grunde noch immer. Denn tatsächlich entpuppten sich die Filme als beinharte Horrorfilme voller Blut, Zombies und Schockmomenten. Das Festival vereint alles, was irgendwie entfernt gruselig sein könnte, je mehr Blut, je bösartiger die Wesen, je psychopathischer die Menschen, je heftiger das Grauen, desto besser. Der Fantasy-Begriff wird dabei für mein persönliches Gefühl sehr extrem gestreckt und das, oberflächlich betrachtet, in nur eine Richtung. Man kann nicht abstreiten, dass Poltergeister, Werwölfe und Okkultes ins Reich der Phantastik gehören, doch bleibt für mich die drängende Frage, warum sich neben den gruseligen Filmen nie oder nur selten harmloseres, fröhlicheres Material mischt, warum nicht die gesamte Bandbreite der Fantasy bedient wird.

Und doch, ich hatte meinen Spaß daran, sehr lange sogar. Hat man erst einmal seinen Frieden mit dem Thema gemacht und hat man prinzipiell nichts an Kunstblut oder nervenzerfetzender Spannung auf der Kinoleinwand auszusetzen, konnte man durchaus die eine oder andere Perle zu Gesicht bekommen. Denn die gerade noch abgesprochene Variabilität lässt sich trotz der übergreifenden monothematischen Ausrichtung durchaus finden. Letztlich können die gruseligen Settings sehr verschieden gewandet sein: weit entfernte Raumschiffe eignen sich für unerträgliche Spannung ebenso wie verlassene Gebäude der Gegenwart oder endlose Wälder im Mittelalter. Eigentlich war alles dabei: Man konnte bunte Zeichentrickfilme aus Skandinavien und billige Studentenprojekte aus Südamerika genauso sehen, wie asiatische Kampfsport-Action und osteuropäische Kammerspiele. Genau das faszinierte mich so sehr. Auch die grundlegenden, vermittelten Stimmungen reichten von unfassbarer Beklemmung bis hin zur maximaler Erheiterung. Man wusste nie, was man bekam: War es ein nicht auszuhalten schlechter und zäher Rohrkrepierer oder sogar ein zukünftiger, mehrfacher Oscargewinner (Obwohl sich das bekannter Maßen gerade in den letzten Jahrzehnten nicht unbedingt gegenseitig ausschließt)? Meistens ersteres. Aber genau darum ging es: Das Perlenfischen. Die Daumenregel war: Einmal am Tag findet sich ein großartiges Highlight, dass einem auf ewig in Erinnerung bleiben könnte. Und dafür besuchte man eben vier bis fünf andere Filme, die im besten Fall so unfassbar schlecht waren, dass man hinterher über sie herziehen konnte und im schlechtesten Fall so drögen Stoff darstellten, dass man schlicht nur froh war, dass die zähen zu Stunden verkommenden Minuten endlich ein Ende hatten und man hinterher nicht im Ansatz wusste, was der Künstler einem sagen wollte und ihn danach rückstandslos vergaß. Das war es wert. Das war stets ein Heidenspaß!

Das FFF hat sich verändert. Vielleicht hat sich auch die gesamte Filmwelt verändert. Gelten Oscar-Kandidaten bei mir schon lange nicht mehr als Empfehlung, wirken bei mir Auszeichnungen der Berlinale schon lange als Synonym für unbeschreibliche Langeweile, so muss man mittlerweile auch auf dem FFF sagen: Wenn der Veranstalter bei der Anmoderation des Films herausstellt, wie wichtig ihm der nun gezeigte Streifen sein würde, dann kann man eigentlich schon den Saal verlassen. Sehr zuverlässig sogar. Insbesondere, wenn er dann noch ergänzt, wie erfolgreich er bereits beim Sundance-Festival oder eben der Berlinale gelaufen sein mochte. Und diese Art von Ankündigungen häuften sich in den letzten Jahren. Es fiel mir zunehmend schwerer, die Tage durchzustehen. Denn die Perlen wurden weniger, die Belohnung, die Ausbeute an Highlights, wurde zusehends magerer. Zu oft kam man des nachts nach fünf Filmen nach Hause und dachte sich: Was für ein Schrott. Allesamt. Und damit meine ich gar nicht unbedingt die billigen Trash-Filme, denn diese können durchaus auch sehr unterhaltsam sein. Viele Filme sind mittlerweile zähe Thriller, die Themen durchspielen, die mich nicht scheren. Langatmige Darstellungen von Problemen, die der Regisseur meint, dem Publikum unter die Nase reiben zu müssen, obwohl es ebenjenes nicht die Bohne interessiert. Gesellschaftskritiken, die diffuser nicht sein könnten, Familiendramen, die so an den Haaren herbei gezogen sind, dass sie nicht entfernt glaubhaft sein können, Moralpredigten, die jeglicher Logik entbehren, aufgebläht auf bis zu zwei Stunden Laufzeit, die sich wie halbe Tage anfühlen. Und nach alldem stellt sich dann die Frage: Was hatte dieses Ding jetzt hier auf dem Festival zu suchen? Ach, der Blutstropfen im Epilog rechtfertig die Teilnahme? Die Wahnvorstellung des Soziopathen gilt als Fantasy? Da bin ich raus. Denn der Zunahme solcher Werke steht eben die Abnahme der Diversität entgegen. Weniger Vampire, weniger Zombies, weniger B-Movies aus Studentenhand, weniger Low-Budget-aber-mit-viel-Herzblut-gemachte-Animationsfilme, einfach weniger Spaß.

© by Fantasy Filmfest

Als ich damals eingestiegen bin, fand das Festival in Berlin in zwei Kinos gleichzeitig statt, dem Cinemaxx am Potsdamer Platz und dem heute leider nicht mehr existierenden Cineplex unter dem Sonycenter. Ständig musste man sich entscheiden, ständig die Straßenseite wechseln. Sicherlich hat man so einiges verpasst, aber dennoch war die Perle am Ende des Tages ziemlich sicher im Sack. Später wurde das Programm ausgedünnt und auf nur noch auf ein Kino beschränkt, was durchaus Wohlwollen fand, da jetzt das Wählen entfiel. Dafür allerdings gab es nicht nur die zehn Tage im September, sondern mit den FFF Nights ein zusätzlich verlängertes Wochenende im Frühjahr. Heute gibt es mit dem dritten Format im Winter, den FFF White Nights, wieder mehr Filme – und ich glaube das ist eines der Probleme: Vielleicht braucht es im Jahr zu viele Genrefilme, die die drei Termine auslasten können – auch wenn ich persönlich schon glaube, dass es auf der Welt absolut genug obskure Machenschaften dafür geben müsste. Vielleicht überschätze ich das aber auch. Doch trotz allem sind die Säle stets voll, schon immer gewesen. Die Spielorte mögen sich geändert haben – war es zwischenzeitlich das UCI in der Kulturbrauerei, das damit glänzte, dass die Versorgung mit Mahlzeiten in den recht kurzen Pausen jetzt sehr gut machbar war, ist es heute mein Lieblingskino, der Zoopalast -, jedoch das Publikum blieb über all die Zeit großteils konstant. Es sind seit jeher die gleichen Gesichter. Es ist deswegen schwer vorstellbar, dass sich der allgemeine Geschmack derart geändert haben könnte, und dass es stattdessen nur an mir liegt, meiner möglichen Rückwärtsgewandtheit. Tatsächlich werden immer mehr Stimmen laut, die von einer ähnlichen Meinung zeugen, wie der meinen. Bezugnehmend auf die immer häufigeren persönlichen Empfehlungen des Veranstalters vermute ich daher eher, dass es nicht eine neue Filmwelt oder das veränderte Interesse der Zuschauer ist, sondern dass das FFF sich mehr hin zu einem viel zu großen Wohnzimmer verwandelt hat, in dem die Programmverantwortlichen vor allem mit ihrem persönlichen Geschmack überzeugen wollen, dabei vergessend, das Geschmäcker verschieden sind, dass das FFF vor allem deswegen außergewöhnlich war, weil es eine unfassbare Bandbreite an Filmen zeigte, sodass jeder seinen ganz eigenen Liebling, seine eigene Nische, finden konnte. Heute, und ich meine damit ganz ausdrücklich insbesondere auch das letzte Wochenende, besteht das Programm aus drögem Einheitsbrei, der zwar den Machern des Festivals gefallen mag, der die zwölf Euro Eintritt pro Film für mich jedoch nicht mehr rechtfertigt. Der Trend ist seit vielen Jahren zu sehen, es ist kein Ausrutscher.

Und deshalb bin ich jetzt raus. Ich kann bei bestem Willen nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen, dass der Zeitaufwand sowie der finanzielle Einsatz im gesunden Verhältnis zur unfassbar geringen Ausbeute an besonderen Momenten steht. Sicherlich werde ich nicht vollständig abstinent. Denn dafür macht es zu viel Spaß, neben dem Wortvogel zu sitzen, über das Gezeigte zu schwadronieren, zu diskutieren, zu streiten und sich hinterher bei einem gemeinsamen Bierchen wieder zu versöhnen. Doch meine Besuche werden nicht mehr unvorbereitet sein. War es bisher so, dass ich mich größtmöglich überraschen lassen wollte und somit vor Beginn außer dem Titel des Films absolut gar nichts wusste, so werde ich mir nun ganz genau überlegen, was sich wohl lohnen mag und was nicht. Aber ich werde kein Dauergast mehr sein, so sehr mir das auch fehlen wird. Danke für fünfzehn gute und schlechte Jahre!