Seit ich damals als Kind das erste Mal in Kontakt mit Knotenkunde gekommen bin, faszinieren mich diese kleinen Dinger. Als Rettungsschwimmer-Welpe lernte ich eine Handvoll davon, für die Handhabung von Freizeit- und Sportbooten: Abschleppen, Festmachen, solche Sachen. Lange Zeit passierte dann nichts Nennenswertes. Zwar war niemals eine Schnur oder ein Seil vor mir sicher, jede Kapuzenschnur eines jeden Hoodies wurde permanent verknotet. Diese Handvoll von Knoten beherrschte und beherrsche ich wortwörtlich blind, hinter dem Rücken, unter Wasser. Alles zusammen. Darauf bestand damals ein Trainer. Und es hatte sich bei wenigstens einer Bootsbergung bezahlt gemacht. Doch Neues lernte ich lange nicht.
Als ich dann aber mit dem Baumklettern begann, kamen allerlei nützliche Knoten hinzu. Klemmknoten zum Auf- und Absteigen an Seilen und Pfählen, Knoten für Ösen – aber vor allem lernte ich viel über Bruchfestigkeiten, Bruchminderungen und Belastungsrichtungen sowie die Tauglichkeit der zu verknotenden Materialien: Auf Naturfaserseilen halten manche Knoten besser als auf Kunststoffseilen oder Angelsehnen – und andersherum. Jeder Knoten hat seine Eigenarten, jeder Knoten hat seine Vor- und meistens auch seine Nachteile. Von da an lernte ich immer mal wieder einen neuen für mein Repertoir.
So auch kürzlich. Doch bevor ich dazu komme, möchte ich eine kleine Herleitung zeigen.
Der Webleinenstek ist einer meiner allerersten Knoten gewesen. Ich lernte schon als Kind, dass dieser einfache Knoten nur unter dauerhaftem Zug hält. Er eignet sich aufgrund seiner Einfachheit daher sehr für das schnelle Festmachen von Booten an Stegen oder dergleichen. Boote liefern durch Wellengang und Wind immer den notwendigen Zug. Man sollte aber am freien Ende immer genug Leine lassen, falls er sich doch einmal etwas lockern sollte. Über Hintersicherungen schweige ich jetzt einfach mal.
Wir haben den Webleinenstek immer „auf Slip gelegt“, sodass wir das Rettungsboot im Einsatzfall immer mit einem einfachen Zug an der Schlaufe im Vorbeirennen lösen konnten. Sehr praktisch.


Vor einigen Jahren kam mir der Knoten mit dem selten blöden Namen Würgeknoten unter. Doch ich möchte aus Gründen vorher noch den Sack- oder Müllerknoten einschieben. Namen sind bei Knoten so eine Sache, so nebenbei bemerkt. Oft gibt es Dutzende davon, je nachdem in welcher Branche er eingesetzt wird. Es ist oft nicht einfach, mit anderen über Knoten zu kommunizieren, weil meistens einfach die Eindeutigkeit fehlt.
Zurück zum Müllerknoten. Den habe ich erst im Zuge meiner Recherchen zu meinem neuen Highlight entdeckt. Ich finde, er füllt sehr gut eine Lücke. Nimmt man nämlich den Webleinenstek als Grundlage und führt nach der zweiten Windung das Ende nicht durch die Schlaufe hindurch, sondern obendrüber und steckt es dann unter die erste Windung, entsteht ein Knoten, der tatsächlich hält – und wohl gern von Müllern genutzt wurde, um Mehlsäcke zuzubinden.

Ich finde, der Müllerknoten ist ein netter Zwischenschritt vom simplen Webleinenstek zu bereits angesprochenem Würgeknoten. Ich kann den Namen absolut nicht leiden, weil der klingt, wie wenn ein kleines Kind ohne tiefergehende Ahnung davon fabuliert, einen total festen Knoten zu binden. Aber ich habe ihn mir nicht ausgedacht. Man könnte ihn allerdings auch bei seinem Zweitnamen Konstriktorknoten nennen, aus dem Englischen constrictor knot.
Doch der Name ist nicht schlecht gewählt. Denn lange Zeit verstand ich ihn als den wohl festesten Knoten überhaupt. Einmal richtig festgezogen, ist es beinahe unmöglich, den Würgeknoten ohne Gewalt zu lösen. Einmal gebunden, hilft nur noch das Messer. Es ist definitiv nicht zu empfehlen, das Ding um irgendwelche lebenden Dinge zu binden, keine Hände, keine Füße, keine Pfoten. Nach fest kommt ab – in dem Fall auch das Umbundene.
Das Interessante an Knoten ist eigentlich ihre Topologie. Ich habe für mich einmal festgestellt: Knoten sind dann besonders fest, wenn sie die Kreuzungspunkte der Seile durch Druck darauf selbst noch einmal besonders fixieren. Ihr kennt das vom Paketschnüren. Nach dem ersten Verdrehen der beiden Enden heißt es: „Halte mal den Finger drauf!“. Und genau das tut der Würgeknoten, wenn man ihn genau betrachtet: Es ist ein einfacher Überhandknoten, wie er richtig heißt (und auf jedem Paket doppelt gebunden zum „Doppelknoten“ – oder im Idealfall besser: Kreuzknoten – oder als Grundlage beim Schnürsenkelbinden zu finden ist), der einfach durch eine weitere Windung der Schnur festgedrückt wird. Er ist sozusagen sein eigener dritter Finger. So einfach, so wirksam:

Viele Knoten kann man immer noch ein bisschen besser machen, indem man ihn „Doppelter <irgendwas>“ nennt. So auch den Würgeknoten, den es natürlich auch in der Variante Doppelter Würgeknoten gibt. Das bedeutet einfach, dass man nicht nur eine Lage auf den Überhandknoten legt, sondern das eben durch eine zweite Runde doppelt tut. Es drücken jetzt – die Analogie noch einmal aufgegriffen – zwei Finger auf dem Überhandknoten. Im Endeffekt soll er tatsächlich noch ein bisschen besser halten. Wie sich das messen lässt, wenn ein guter Einfacher schon nur noch mit Gewalt zu lösen ist, weiß ich nicht.

Und dann kam ganz lange nichts. Bis ich durch Zufall vor ein paar Tagen vom Boa-Knoten hörte. Also quasi die Boa zum Constrictor. Es schien mir tatsächlich wie eine relativ simple Weiterentwicklung des Doppelten Würgeknotens. Doch dessen Erfindung ist so neu, dass er im sonst allumfassenden Knotenkompendium, dem Ashley’s Books of Knots, nicht zu finden ist. Die offizielle Erfindung wird erst auf 1996 datiert und einem Peter Collingwood zugeschrieben. Das finde ich durchaus interessant, da die große Zeit der Knotenerfindungen doch eher in die vorindustrielle Seefahrerzeit zu schieben ist. Vielleicht gab es noch einmal ein Hoch bei der Erfindung von Kunststoffseilen. Aber 1996 erscheint mir durchaus spektakulär für eine so simple Weiterführung von Altbekanntem.
Als ich ihn das erste Mal um meinen Finger band (Kinder, bitte nicht zuhause nachmachen!) war ich schockiert und fasziniert zugleich. DAS ist mal ein wirklich fester Knoten! Ich hatte ihn kaum festgezogen, und hatte trotzdem schon Mühe, ihn von meinem Finger gezogen zu bekommen. Wahnsinn!
Und, wie schon angedeutet, ist er eigentlich nicht viel schwerer zu binden als die vorigen Knoten. Besteht der Unterschied des Doppelten zum Einfachen Würgeknoten einfach nur aus einer weiteren, obenliegenden Windung, so kann man sagen, das der Boa-Knoten eigentlich zu den zwei Fingern obendrauf nur noch einmal zusätzlich eine weitere Verdrehung an den darunterliegenden Überhandknoten setzt. Es ist so, wie wenn ihr die Paketschnur in Ermangelung eines externen Fingers einfach noch ein weiteres Mal windet – was dann übrigens den Doppelten Überhandknoten ergibt. Er hält prinzipiell aufgrund der erhöhten Reibung besser. Mehr ist es nicht.
So, lange genug geredet. Hier kommt er nun: Mein neuer König der Festigkeit. Ihr wollt etwas WIRKLICH fest umwickeln? Ihr wollte es nie wieder aufbekommen? Dann ist der Boa-Knoten euer Mittel der Wahl, falls euch der Würgeknoten zu fipslig erscheinen sollte:

Hier noch einmal die zugegeben etwas weit hergeholte Evolution vom Webleinenstek zum Boa-Knoten auf einen Blick. Während ersterer mangels Zug beinahe von selbst abfällt, ist letzterer kaum von der Stelle zu verschieben. Ich finde das irgendwie ziemlich spannend.

PS: Wenn man gewollt hätte, hätte man zwischen die ersten beiden noch den Schnürknoten packen können, merke ich gerade…
