Diese Frau wirkte wirklich alt und trotz ihrer rundlichen Statur irgendwie zerbrechlich. Sie schaute nur um die Ecke, genoss kurz den zaghaft aufkommenden Applaus, verneigte sich artig und kletterte auf das Podium. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und beinahe glaubte man, dass sie hier und heute scheinbar alles gegeben hatte, was zu geben vorhanden war. Sie drehte sich auf ihrem Drehstuhl vom Publikum weg mit Blick auf die Leinwand hinter ihr. Ein paar alte Filmaufnahmen eines sehr alten Berlins erschienen zusammen mit passender Musik.
Katharina Thalbach erwachte nun zum Leben. Sitzend genoss sie die letzten Sekunden vor ihrem Einsatz und wackelte mit den Schultern zum Takt, ihre Arme tanzten immer wilder durch die Luft und ähnelten mehr und mehr Steh-Auf-Männchen aus dem Spielzeugladen. Sie grinste und begann.
Sie stehen verstört am Potsdamer Platz.
Und finden Berlin zu laut.
Die Nacht glüht auf in Kilowatts.
Ein Fräulein sagt heiser: „Komm mit, mein Schatz!“
Und zeigt entsetzlich viel Haut.~ Erich Kästner, Besuch vom Lande, 1929
Immer wieder glotzten Thalbachs große Augen schelmisch ins Publikum. Mal blitzten sie in die vorderen Reihen, mal zwinkerten sie die oberen Ränge an und demonstrierten überlegen, dass sie mehr wüssten als wir. Es war schwer, die Texte nicht allesamt als Komödie zu interpretieren, Erich Kästner das beabsichtigt hatte oder nicht. Allein ihr Gesicht konnte allen Geschichten, den lyrischen und prosaischen, ein zusätzliches Leben einhauchen, das im Grunde gar nicht vorhanden war.
Und dann sprach sie. Ihre unverkennbare, einzigartig knarzig-rauchige Stimme strafte ihre lebhafte, jugendhaften Augen Lügen. Nicht das schelmische Glitzern, sondern der Klang eines nimmermüden Großmütterchens, der Klang unzähliger Lebensweisheiten, tiefsten Sarkasmus‘ und gutmütigen Scheltens, wie ihn nur ein entbehrungsreiches Leben hervorbringen konnte, erfüllte den Saal. Ein Klang, der den Texten eines Dr. Erich Kästners vollends gerecht wurde.
Natürlich wurden Kinderbücher gelesen, und gerade die legendäre Verfolgungsfahrt aus Emil und die Detektive ließ Thalbach mithilfe ihres unverwechselbaren Berliner Dialekts so real vor den Augen der Anwesenden aufleben, als wäre man tatsächlich dabei gewesen, als führe man wirklich mit in dem Taxi voller Bengels durch die Motzstraße hin zum Nollendorfplatz. Berlin selbst war überhaupt der große Protagonist des Abends. Kaum ein ein Text, den Katharina Thalbach vorlas, der nicht den einen oder anderen Lobgesang bereit hielt. Erst hinterher wurde ich beim Lesen von Kästners Biografie überrascht, dass dieser einen Großteil seines Lebens überhaupt nicht in der Metropole verbracht hatte.
Liest man sich Kästners Biografie durch, dann entdeckt man ein Leben, das beachtenswerter kaum sein könnte. Ein Leben voller Bildung, voller Meinung und so voller Entbehrung. Steter Wissensdrang im Angesicht des am Horizont unheilvoll aufkeimenden, dann in unmenschlichster Art und Weise wütenden und schließlich in weiten Teilen totgeschwiegenden Nationalsozialismus, der Intellektuelle und Freidenker so gnadenlos behandelte, dass sie entweder fliehen oder ihre Geister elendig wegsperren mussten. Nichts davon tat jedoch dieser beeindruckende Mann. Er floh nicht und er ließ seinen antimilitarischen Gedanken unter Pseudonymen freien Lauf.
Als Thalbachs – so vermute ich – mehr oder weniger chronologische Auswahl, in die Phase seines Lebens, in diese so schreckliche Phase der Menschheit eintrat, veränderte sich nicht nur die Art von Kästners Schreiben, sondern auch die Stimmung im Publikum. Es war schwer zu deuten, ob es an einer subtil veränderten Betonung der Lesung lag oder schlicht am Inhalt und der unfassbar bildhaften Darstellung der Geschehnisse in den Texten selbst. Man wagte kaum zu atmen, Applaus gab es keinen mehr. Stille.
Die Lastwagen rollten heran wie an eine Verladerampe. Tausende von Büchern wurden ausgekippt und von fleißigen Händen hoch im Bogen ins Feuer geworfen. Dann tauchte Goebbels auf. Er stand auf einer von Mikrophonen belagerten Estrade und gestikulierte vor dem Feuerschein wie ein Teufelchen vor der Hölle. Er zeterte, salbaderte, rief Schriftsteller bei Namen und überantwortete ihre Bücher den Flammen und dem Vergessen. Das war kein Großinquisitor, sondern ein kleiner pöbelnder Feuerwerker.
[…]
»Dort steht ja Kästner!«, rief plötzlich eine junge Frau, die mit ihrem Freund vorüberkam. Ihre Überraschung, mich sozusagen bei meinem eigenen Begräbnis unter den Leidtragenden zu entdecken, war so groß, dass sie auch noch mit der Hand auf mich zeigte. Das war mir, muss ich bekennen, nicht angenehm. Denn kurz zuvor hatte schon jemand anders meinen Namen laut gerufen – eben jener Gundolfschüler auf seiner von Mikrophonen belagerten Estrade.
~ Erich Kästner, Kann man Bücher verbrennen?, 1947
Ich hielt diese Stille nicht mehr aus. Die überwältigenden Gefühle, die unsägliche Wut auf all das Grundböse, auf alle Nazis, jene von damals und jene von heute, hatten sich angestaut und suchten ein Ventil. Etwas musste ich tun. Ich applaudierte.
Ich weiß nicht genau, wofür. Für Lesung der kleinen Dame selbst, die zum ersten Mal auf Grimassen verzichtet hatte und die uns packte und zum heutigen Bebelplatz zerrte? War es einfach nur der erdrückend beschämende Text oder war es vielleicht der unfassbare und im Nachhinein vielleicht törichte Mut des Mannes, der diesen verfasst hatte? Ich applaudierte. Erst allein. Die Klatscher verhallten im großen Theatersaal des Berliner Ensembles. Fast erschienen sie mir, als verhöhnten sie das Geschehen, als würden sie das Publikum aus ihrer stillen und mitfühlenden Andacht reißen, als wären sie völlig deplatziert. Doch mit einem Mal schlossen sich die Menschen mir an. Es entstand der tosendste Applaus des Abends. Wofür? Für einfach alles.
Katharina Thalbachs Inszenierung, denn nicht anders konnte man diese Lesung nennen, war fantastisch und ließ Kästners tiefschwarze Satire und warmherzigen Kinderverse aufblühen, wie es wohl nur wenige können. Ihre ambivalente, ureigenste Art, mit Gesicht und Stimme zu spielen, ihr Berliner Dialekt, all das ehrte Kästners Leben und dessen Texte. Zusammen ergab das eine großartige Symbiose, die Leben und Werk dieses beeindruckenden Mannes wirklich zum Leben erweckte. War man am Ende noch immer nicht überzeugt von der großen Kunst, die Thalbach den Abend abgeliefert hatte, waren die feinen Nuancen ihrer oberflächlich stets gleich erscheinenden Stimme bisher verborgen geblieben, wurde auch der letzte Zweifler jetzt noch einmal eines Besseren belehrt. In mit tiefster Traurigkeit angefüllten und durch so unendlich viele Entbehrungen gebeuteltem Ton las sie:
Und plötzlich steht man wieder in der Stadt,
in der die Eltern wohnen und die Lehrer
und andre, die man ganz vergessen hat.
Mit jedem Schritte fällt das Gehen schwerer.
[…]
Man biegt um eine Ecke. Und erblickt
ein schwarzes Haus in einem kahlen Garten.Das ist die Schule. Hier hat man gewohnt.
Im Schlafsaal brennen immer noch die Lichter.
~ Erich Kästner, Kleine Führung durch die Jugend, 1928
Ein müder Mensch, der traurig auf sein Leben schaut. Fast möchte man Mitleid haben. Fast möchte man sich neben diesen alten Menschen setzen und ihn trösten. Doch etwas hält uns ab. Ein Satz, von dem wir alle wissen, dass er kommen musste. Ein Satz, der die Tonalität komplett umkehren würden. Ein Satz, der Hoffnung schenken würde – dem armen Menschen und uns.
Doch dieser Satz kam nicht mehr.
Man geht, denkt an die kleinen Eisenbetten
und fährt am besten wieder nach Berlin.
Noch zu Beginn hatte sie ihn rezitiert. Noch zu Beginn war Kästner lebensfroh und voller Schabernack. Zu Beginn waren ihre Augen tanzende Bälle der Unvernunft und des Schalkes. Zu Beginn war das gleiche Gedicht ein gänzlich anderes, ein Tor zur Lebensfreude. Nun jedoch waren die Augen traurig und die Stimme ebenso wie das Leben des Menschen gebrochen. Nun verabschiedete sich Katharina Thalbach ohne diesen einen Satz, ohne weitere Worte, ohne Gruß, ohne Hoffnung und verließ die Bühne. Großes Schauspiel!


Natürlich kam sie dann noch einmal heraus, verbeugte sich unter dem riesigen Applaus, erfreute sich dessen sichtbar und ließ noch einmal ihre Arme voller Freude tanzen – doch sprechen tat sich mehr und blieb damit ihrer Rolle bis zum Letzten treu. Keine Worte der Begrüßung, keine Worte zwischen den Texten, keine Worte danach. Was zählte, waren einzig und allen die Worte Kästners, die im Theatersaal und bei den Zuhörern noch lange widerhallen sollten.
