Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Auf verlorenem Posten

Die Einen oder Anderen werden sich eventuell an die kurze Bemerkung über die seltsame Adresse in meinem Impressum erinnern. Bevor ich kürzlich zu einem Impressumsdienst wechselte, hatte ich dort ein Postfach angegeben. Ich wollte und möchte nicht meine private Adresse irgendwo im Internet veröffentlichen. Ob ich überhaupt ein Impressum benötige, darüber streiten sich die Gelehrten. Ich jedoch habe keine Lust und Kraft, genau das herausfinden zu wollen und gegebenenfalls als juristischer Präzedenzfall zu enden.

Ein Postfach, dachte ich, würde eine Reihe von Problemen beheben. Das offensichtliche war natürlich die Pseudonymisierung meiner Anschrift. Aber zusätzlich stellte ich mir vor, dass ich dann irgendwo eine Art Schließfach bekommen würde, in dem ich vielleicht, ähnlich einem Bankschließfach, kostengünstig ein kleine Festplatte lagern könnte, als sicherer Platz für die externe Sicherung meiner Daten. Ein Postfach ist mit unter dreißig Euro im Jahr eine vergleichsweise günstige Sache und es lag nebenbei auch noch ganz grob auf meinem direkten Arbeitsweg, sodass eine regelmäßige Abholung meiner Post kaum ein größeres Problem darstellen würde.

Man kann so etwas sehr bequem und schnell online klicken, also tat ich genau dies.

Der Empfang

Das Postfach befand sich in einem Vorraum eines regionalen Briefverteilzentrums. Ich ging dort also vorbei, um die Schlüssel entgegenzunehmen. Naiv wie ich war, nahm ich an, dass ein Ausweis und eine Bestellnummer wohl ausreichen müssten, um mir eben jene Schlüssel aushändigen zu lassen. Doch hier zeigten sich schnell die ersten Probleme und es zeigte sich auch, dass sich die Deutsche Post nach wie vor bemühte, wie ein angestaubter Laden voller inkompetenter Leute zu wirken, die noch immer zu glauben scheinen, dass sie Beamte einer Bundesbehörde wären.

„Ohne Zettel gibt es keine Schlüssel.“ Die Tatsache, dass auf dem fraglichen Zettel, dem Bestätigungsschreiben meiner Bestellung, auch nichts anderes stand, als das, was ich direkt vorlegen konnte, schien vollständig irrelevant zu sein, weiteres Zureden erwies sich als nutzlos. Also fuhr ich nach Hause, holte den besagten Schriebs und kehrte zurück. Dort tippte die Beamtin – ich meine, die Angestellte -, exakt zwei Dinge ab: Meinen Namen und meine Bestellnummer. Beides hatte ich ihr vorhin schon vorgelegt.

Ich bekam irgendwann die zwei Schlüssel zum Schließfach ausgehändigt. Als ich noch eine Frage stellen wollte über das Prozedere der Zustellung, zuckte sie mit den Schultern und meinte, sie würden hier eigentlich gar keine Ahnung von den Postfächern haben, sie machten das hier nur nebenbei und überhaupt, ich solle mich gefälligst an die Kundenhotline wenden. Die POSTangestellten in einem POSTverteilzentrum hatte keine Ahnung von den POSTfächern, die direkt vor ihrer Nase standen. Alles klar.

Die nächste Ernüchterung stellte sich ein, als ich mein Fach endlich öffnete. Ich stellte mir das eigentlich vor wie einen klassischen Briefkasten: ein Schlitz, in den meine Korrespondenz eingeworfen wird. Ein klassischer Briefkasten eben, nur zu öffnen mit einem dieser beiden Schlüssel in meiner Hand. Weit gefehlt, denn ein Postfach ist tatsächlich völlig offen. Zwar schützt eine kleine Tür vor direktem Zugriff aus dem öffentlich zugänglichen Vorraum – und genau dafür gab es die Schlüssel -, doch die Rückseite ist komplett einsehbar und zugreifbar für alle dort Postangestellten. Alle anzunehmenden hunderten von Angestellten des großen Briefverteilzentrums. Das ganze ähnelt weniger einem Raum voller Bankschließfächer als mehr einem halbdurchlässigen Ablageregal. Damit erledigte sich ad-hoc die Idee der sicheren Lagerungen meiner Daten. Schade.

Die Praxis

Ich hatte nicht nur einfach ein Postfach gebucht, nein, ich hatte ein Postfach PLUS gebucht. Das PLUS ist kostenlos und bedeutet, dass mir der Eingang eines Briefes per E-Mail automatisch gemeldet und der Umschlag sogar gescannt und digital zugänglich gemacht würde. Das wäre praktisch, denn dann könnte ich mir den regelmäßigen Umweg sparen, um ein potentiell leeres Postfach zu bestaunen.

Ich schickte also einige Tage nach Einrichtung einen Probebrief an die Adresse meines Postfaches. Um die Zustellungszeit abschätzen zu können, verschickte ich genau genommen sogar zwei Briefe: den zweiten direkt zu mir nach Hause. Wenn der eintraf, müsste der erste erst Recht im Postfach zugestellt sein, denn schließlich wirbt die Deutsche Post damit, dass die Zustellung in Postfächer definitiv schneller gehen würde, als die zur realen Adresse. Das leuchtet ein, spart man sich ja die Zustellfahrt vom Verteilzentrum zur Adresse. Der zweite Brief kam, ich wartete noch zwei weitere Tage ab. Doch ich bekam keine E-Mail. Auch im digitalen Postfach fand sich kein Scan. Ich fuhr also am Folgetag am Postfach vorbei und fand meinen Brief vor. Offensichtlich ohne digitale Meldung. Das PLUS funktioniert demnach nicht. Zumindest nicht zuverlässig.

Nun, auf diesen Service würde ich nun wohl verzichten müssen und schaute deshalb hin und wieder nach der Arbeit direkt dort vorbei. Doch meine anfänglichen Vorsätze, einmal pro Woche dort vorbei zu gehen, verabschiedeten sich nach und nach, weil – Überraschung – niemals etwas dort zu finden war. Doch dann stellte sich zusätzlich heraus, dass jeder Angestellte nicht nur dauerhaften Zugriff auf meine potentiell dort gelagerte Post hatte, es ist sogar so, dass kontrolliert wird, wie lange dort etwas lagerte:

Irgendwann vernachlässigte ich nämlich die Leerung einige Wochen, und prompt bekam ich einen Brief an die Heimadresse: „Sie haben ihre gelagerte Post seit langer Zeit nicht mehr abgeholt. Bitte erledigen Sie dies bis spätestens <Termin in den Weihnachtstagen>, sonst vernichten wir die gelagerten Briefe und kündigen fristlos das Postfach.“ Es war der Abend des 23.12. und ich begann augenblicklich, etwas panisch zu werden. Wenn dort Post für mich lag, konnte das eigentlich nur etwas Wichtiges sein. Eine Abmahnung vielleicht? Hatte ich auf der Webseite etwas Schlimmes gemacht? Was, wenn Fristen einzuhalten sind? Ich fluchte auf den fehlenden PLUS-Service, der eigentlich für solche Fälle gedacht sein sollte, und fuhr augenblicklich los.

Doch, wie könnte es anders sein, am Vortag von Weihnachten scheint im Verteilzentrum wenig los zu sein und man hatte beschlossen, den Zutritt zu den Postfächern an diesem Tag kürzer als üblich zu gestalten. Hier nun muss ich eine Lanze für einige der Angestellten brechen. Denn in meiner Verzweiflung ob einer möglicherweise ablaufenden juristischen Frist, klopfte ich an die Scheibe von etwas, das wie der Pausenraum des Zentrums wirkte. Und tatsächlich ließ mich ein Mitarbeiter ein, öffnete mir die notwendigen Türen und ließ mich an mein Fach. Dort lag nichts.

Ich wedelte mit dem Schreiben in meiner Hand, das ausdrücklich von gelagerter Post sprach. Der Mitarbeiter betonte, wie vor Monaten die Kollegin, dass sie alle hier keine Ahnung von den Postfächern hätten, doch er nahm sich immerhin die Zeit, mich in den Rückraum dieses überdimensionalen Ablagestapels zu führen. Der dortige Anblick bestätigte den ersten Verdacht, dass tatsächlich alle Fächer von hinten offen zugänglich lagen. Der Mitarbeiter war sichtlich überfordert von der Situation, doch er versuchte sein Bestes und schaute alle umliegenden Fächer durch, ob vielleicht ein Brief falsch einsortiert wurde. Damit nicht genug, er holte sich sogar Hilfe dazu, aber selbst zu zweit war meine Post unauffindbar. So viel zur Sicherheit eines Postfaches.

Zuhause angekommen, klemmte ich mich umgehend in eine Telefonhotline. Das Problem ist, es gibt keine dedizierte für Postfachkunden. Es gibt jedoch in der allgemeinen Kundenhotline der Deutschen Post auch keine Wahlmöglichkeit für Postfachanliegen. Postfächer existieren für die Hotline schlicht nicht. Und egal, was du der Maschine sagst: Du kommst mit einem Postfachanliegen nicht durch. Das ist im System nicht vorgesehen. Also erzähle ich dem Telefon so lange allerlei Lügen, bis ich endlich doch zu einer realen Mitarbeiterin durchgestellt wurde. Natürlich nicht, ohne vorher einige Male aus der Leitung zu fliegen und einer Wartezeit, die in die Stunden ging. Man darf nicht vergessen, dass es hier um potentiell verloren gegangene, juristische Briefe ging. Nun, die Mitarbeiterin war – ja, Überraschung – auch nicht für Postfächer zuständig, meinte aber immerhin, sie könne mich zu einer Ansprechpartnerin durchstellen. Na endlich. Doch besagte Ansprechpartnerin war nicht mehr erreichbar, wie man es in einem Amt erwarten durfte. Das Telefon klingelte mehrere dutzend Male, irgendwann legte ich auf. Es war Weihnachten und niemand mehr zu erreichen. Ich beschloss, das Ganze am 27. noch einmal zu probieren. Und um dies abzukürzen: Ich redete irgendwann nach Weihnachten tatsächlich mit einer Ansprechperson, die angeblich für Postfächer zuständig sein sollte. Doch diese hatte absolut keine Ahnung von meinem Problem, sie wäre nur für Bestellungen und Kündigungen zuständig. Weder konnte sie im System einen Hinweis darauf finden, dass ihr eigenes Unternehmen mir meinen Brief geschickt hätte, denn man kann keine Aktenzeichen und Vorgänge einsehen, noch fand sie einen Hinweis darauf, dass irgendwer mein Postfach geleert hatte oder mir eine Kündigung angedroht wurde. Aber sie sagte, sie würde eine potentielle Kündigung „im System“ unterbinden. So stand ich nun da und habe bis heute keine Ahnung, was dort passiert ist. Wer weiß, welches Gericht sich gerade mit mir beschäftigt, ohne dass ich das weiß. Ich musste mir einreden, dass es am Ende schlicht ein Fehler im System war.

Doch ich bekam Anfang Januar ein weiteres Mal Post. Mit genau dem gleichen Inhalt. Und diesmal war ich mir sicher: Das Postfach war die ganze letzte Zeit leer, ich hatte regelmäßig nachgeschaut, auch in der Hoffnung, dass die verschollene Korrespondenz wieder auftauchen würde. Wieder rief ich bei der Hotline an, wieder log ich sie voll, wieder wurde ich aus den Leitungen geworfen, wieder fühlte sich niemand zuständig und wieder wurde die nochmals angedrohte Kündigung letztlich „im System“ unterbunden.

Danach lief es recht ereignislos einige Monate lang weiter. Und abermals wurde ich fauler und wieder bekam ich ein identisches Schreiben. Ich fuhr also direkt wieder zum Postfach – und tatsächlich, diesmal lag dort Post. Von der Post.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Der PLUS-Service funktionierte nie. Nicht einmal bei den systemeigenen Briefen. Ich hatte keinerlei Meldungen bekommen, geschweige denn einen Umschlagscan. Und dann schicken sie mir einen Brief, dass sie mir einen Brief geschickt hatten. Richtig gut. Ich öffnete also jenen Brief – es war eine Werbung, wie toll jetzt Postfächer funktionieren würden. Kein Witz! Dafür dass ich Werbung missachtete, die Postfächer als einfach und zuverlässig pries, drohten sie mir mit Kündigung meines Postfaches. So etwas kann man sich nicht ausdenken!

Die Kündigung

Nun, ich gebe zu, das Postfach fristete bei mir ein Schattendasein. Hin und wieder machte ich von Arbeit aus einen Umweg, stets fand ich es leer vor. Und irgendwann Ende letzten Jahres lernte ich dann, dass Postfach-Adressen nicht „ladungsfähig“ sein würden. Und das wiederum bedeutete, dass die Impressumsangabe nicht gültig und damit für meine Zwecke völlig ungeeignet war. Ladungsfähig ist eine Adresse genau dann, wenn man könnte mich als Person theoretisch irgendwann am angegebenen Ort antreffen könnte. Dass es dann Impressumsdienste gibt, die als Angabe wiederum juristisch zu gelten scheinen, ist eben so schräg wie erklärbar. Denn ein Impressumsdienst hat oftmals einen frei buchbaren Büroraum, den man sich theoretisch zum Arbeiten buchen könnte und damit könnte ich theoretisch irgendwann einmal dort vor Ort antreffbar sein. Eine Lücke im Gesetz, vermute ich, wenn auch ziemlich albern. Egal, Impressumsdienste sind ein wenig teurer, aber sie scheinen wenigstens für meinen Zweck zu funktionieren. Ich kündigte also das Postfach, schloss einen Vertrag mit einem solchen Dienst, schickte diesem einen Testbrief, wie es zuvor auch schon beim Postfach tat, und erhielt direkt am Folgetag einen sauberen Scan meines eigenen Schreibens inklusive der kostenpflichtigen Option auf Weiterleitung. Es scheint eine gute Lösung zu sein.

Nun wartete ich also darauf, dass die Deutsche Post mir erstens eine schriftliche Bestätigung auf meine online getätigte Kündigung schickte und zweitens einen Termin zur Schlüsselrückgabe. Es kam nichts. Wochenlang. Irgendwann bemerkte sogar ich das Fehlen des Schreibens. Ich schaute also in mein digitales Postpostfach und sah… nichts. Keine Bestätigung. Ich führte also die Kündigung noch einmal aus. Dafür gab es extra eine Seite und einen Button. Diesen klickte ich. Es stand klar da: „Wie bedauern ihre Kündigung, blalaber“. Ich machte einen Screenshot als möglichen Beweis. Doch eine Nachricht in meinem digitalen Postfach generierte das trotzdem nicht, wie in der Bestätigung beschrieben. Ich führte es ein drittes Mal aus, und ein viertes und ein fünftes. Nichts. Das System scheint Kündigungen auf diesem offiziellen Weg komplett zu ignorieren. Nicht einmal das bekommen sie hin. Nach dem Portal zum Einrichten eines Postfachs hat wohl das EU-Fördergeld zur Digitalisierung nicht mehr ausgereicht oder so. Nun, ich klickte mich also durch irgendwelche nutzlosen Hilfeseiten, die natürlich das Wort Postfach nicht kennen. Doch irgendwann – und ich kann absolut nicht mehr sagen, wie – fand ich in irgendeiner hinteren Ecke des Websystems der Post einen anderen Button, der ebenfalls die Kündigung eines Postfaches versprach. Zwar musste ich dort alle möglichen Daten eingeben, die die Post eigentlich sowieso schon in meinem digitalen Konto gespeichert hatte, aber wer will schon kleinlich sein. Und prompt fand sich eine digitale Bestätigung in dem ominösen digitalen Nachrichteneingang und wenige Tage später ein analoges Schreiben in meinem analogen Briefkasten.

In jenem Schreiben bat die Post nun darum, die Schlüssel bis zum soundsovielten vor Ort abzugeben, „aber keinesfall früher“. Die Post gibt einem also exakt einen konkreten Tag zur Abgabe. Das ignorierte ich und kam einige Tage später. Das war kein Drama. Zumindest nicht bis ich einen Beamten – ich meine, einen Angestellten – an den Schalter klingelte – und er natürlich nach einem Schreiben fragte. Ihr ahnt es: Ohne Schreiben keine Bearbeitung. Und ich hatte es ebenso natürlich nicht in der Tasche. Ich zeigte ihm dafür die digitale Kündigungsbestätigung auf meinem Smartphone. Alle notwendigen Daten waren dort vorhanden.

„Das kann ich so nicht entgegennehmen. Ich brauche das Schreiben.“
„Wozu?“
„Ich brauche das Schreiben.“
„Wozu?“
„Na sonst muss ich ja hier alles abtippen.“
„Was müssen Sie denn abtippen?“, fragte ich, weil eigentlich sollte mein Name oder die Vorgangsnummer ausreichen, um mich im System zu finden.
„Na alles.“
„Aber auf dem Schreiben stehen auch keine anderen Sachen.“
„Aber so muss ich jetzt alles abschreiben.“ Proaktiv schob ich einfach die Schlüssel und – mutig, ich weiß – mein Smartphone unter dem Schlitz in der Scheibe durch.
„Ich muss hier jetzt alles abschreiben.“, knurrte der Mann auf der anderen Seite sichtlich angefressen.
„Und von dem Schreiben müssten Sie es nicht abschreiben?“, noch mutiger in Anbetracht der Tatsache, dass ich jetzt ein Smartphone zu verlieren hatte. Nun schien er jedoch überfordert mit der Tatsache, dass die Schlüssel jetzt schon auf seiner Seite lagen. Ein kurzes Zögern.
„Aber das nächste Mal nur mit Schreiben, sonst ist das nicht korrekt.“. Es würde kein nächstes Mal geben, ich kündige hier gerade, Mann. „Ja, ok.“, log ich.

Er holte zwei kleine Schmierzettel heraus, ungefähr fünf mal zwanzig Zentimeter. Er schrieb dort die sechs Ziffern meiner Postfachnummer auf, die zugehörige Postleitzahl sowie in krakeliger Schrift „2 Schlüssel zurückerhalten. Postfach gekündigt.“ Dann schlurfte er unsicher zum Kopierer, machte mir eine Kopie, stempelte sie, wie es im Amt gemacht werden muss, und setzte seinen Krakel darunter. Das war wirklich unfassbar viel abzuschreiben gewesen.

„Nächstes Mal aber nur mit Schreiben!“ Er gab mir den Zettel und mein Telefon wieder. Ich hatte erfolgreich gekündigt.

Hoffe ich.