
So langsam beginne ich zu begreifen, warum man Begeisterung dafür empfindet, anderen Leuten beim Sportmachen zuzuschauen. Viele Jahre lang verstand ich das nicht. Vielleicht ist es bei Vielen auch ein anderer Treiber, aber ich genieße solche Veranstalungen wie Olympia mittlerweile wirklich, weil es eine Art Kokon bildet, in dem sich Nationen endlich wieder mit Wohlwollen und Freude begegnen können, der all die immer mehr zunehmenden Konflikte der Welt einfach ignorieren kann, der sozusagen eine Blase des Eskapismus bildet. Olympia selbst bietet zudem alle zwei Jahre die leider einzige Plattform, auch Sportarten zu erleben, die sonst sehr stiefmütterlich behandelt werden und eröffnet damit Einblicke in Welten, die man vorher nicht gekannt haben mag.
Doch ich muss auch gestehen, dass die Winterausgabe der Olympiade mich tendenziell deutlich weniger anspricht, als die Spiele im Sommer. Das hängt schlicht und ergreifend damit zusammen, dass ich mich nicht für das Schauen von Sportarten begeistern kann, bei denen im Grunde immer das Gleiche geschieht: Läufer rennen immer wieder im Kreis oder stundenlang irgendwelche Straßen entlang, Springer hüpfen dutzende Male über Stangen und Werfer schmeißen ebenso oft Stöckchen – und das für einen Laien eigentlich immer in der gleichen Art und Weise, ohne groß erkennbaren Unterschied. Das ist nicht falsch zu verstehen, ich habe höchsten Respekt für jeden dieser Athletinnen und Athleten, aber das Zuschauen reizt einfach nicht. Ich wende mich daher eher den Dingen zu, die weniger Wiederholungsmomente versprechen, meist sind das Sportspiele, aber auch Tänzer oder Kletterer bieten oft eine gute Abwechslung, um in meinem Kopf Spannung zu erzeugen. Im Sommer ist die Vielfalt solcher Angebote schier unendlich. Doch im Winter wird es in solcher Hinsicht spürbar dünn. Skilangläufe sind für mich ebenso wenig attraktiv wie der vierte Sprung von einer Schanze und auch beim Kreisfahren der Eisschnellläufer schalte ich tendenziell schneller weg. Selbst bei moderneren Disziplinen, wie den Halfpipe-Kunststückchen wiederholt sich letztlich alles, denn als Laie bin ich nicht in der Lage, die Anzahl der vielen Drehungen und Verrenkungen irgendwie auseinanderzuhalten und entsprechend zu würdigen. Als Sportspiel bleibt eigentlich nur Eishockey, was wiederum zwar eine gewisse Spannung verspricht, dem aber aufgrund der hohen Geschwindigkeit nur sehr schwer ohne einen Anfall von Schwindel zu folgen ist.
Dennoch haben wir es uns des Abends gern auf der Couch gemütlich gemacht und anstatt die x-te Folge von Serie sowieso zu konsumieren, schauten wir lieber in der großen Welt des Sports vorbei und klickten uns von einem Live-Stream zum nächsten. Am Abend waren die Ski-Läufer meistens schon durch, sodass wir primär im Eiskanal oder einer Eishalle beim Tanzen oder dem Puck- und Steineschieben anlangten. Rodeln, Bobfahren, Eishockey, Eiskunstlauf, Curling.
Alles, was im Eiskanal stattfindet, zählt eigentlich in die Kategorie der Wiederholungssportarten. Doch irgendwie hat Geschwindigkeit doch ihren Reiz und der Gedanke, da selbst einmal hinunter zu rutschen erzeugt bei mir ein gewisses Interesse, das sonst nicht erklärbar wäre. Selten waren es dann vollständige Läufe aller zwei bis drei Dutzend Sportlerinnen und Sportler, meist nur eine bis zwei handvoll Fahrender, die wir uns anschauten, wenn es um die Medaillenränge ging.
Für Eishockey konnte ich die bessere Hälfte so gar nicht begeistern, aber auch mir reichte in der Regel das Schlussdrittel – so spannend ist das Geprügel in der Tat nicht. Aber dennoch und das nur am Rande: Wenigstens einmal sollte ein Berliner mal die Eisbären gesehen haben. Bucket List.
Erstaunlich oft starrten wir letztlich auf Curling-Bahnen und ich entsinne mich, dass das schon vor vier Jahren recht ähnlich war. Curling hat einen durchaus, naja, ähm, durchwachsenen Ruf. Aber ich sage mal, wer sich Snooker in seiner Langform anschauen kann, der darf gegen das dagegen gemessen fast schon schnelle Curling nichts sagen. Klar, man schaut keine vollständigen Spiele, man schaltet eher zu den letzten Durchgängen ein und auch von denen sind nur die letzten zwei bis drei der acht zu spielenden Steine wirklich interessant – dann nämlich, wenn es beeindruckende Schüsse (Schübe? Stöße?) mit höchster Präzisionsarbeit zu erleben gibt. Die Steine vorher dienen „lediglich“ irgendwelchen Strategien, denen wir ohne tiefere Kenntnis der Materie eigentlich nicht zu folgen vermochten.
Diverse Ausscheidungen im Eiskunstlauf waren ebenfalls auf unserer Liste. Doch auch hier befindet man sich eher auf einem sehr schmalen Grad zwischen Wiederholungen und damit einhergehender Langeweile und der Hoffnung auf tatsächlich spannende Augenblicke. Denn sind wir ehrlich: ohne wirkliche Fachkenntnis laufen die Athletinnen und Athleten in weit ausladenden Gesten voller Weltschmerz auf dem Eis hin und her, nur kurz unterbrochen von einem Sprung voller Drehungen und Wendungen, der aber genauso aussah wie der zwölffach geschwiefelte Schwubbelwutz zwei Minuten vorher. Aber das Publikum ist dann ganz aus dem Häuschen, also kann das dann nur etwas ganz Besonderes gewesen sein, dann ist man eben mal beeindruckt. Oder so ähnlich.
Doch eine Läuferin hat mich wirklich gepackt. Ihre Kür war nicht die große Dramatik voller Schmacht und Liebe, sondern sie hatte schlicht und ergreifend einfach nur Spaß auf dem Eis. Eine willkommene Abwechslung zwischen all ihren Kolleginnen und Kollegen, eine so unfassbar fröhliche und begeisternde Show. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass das Lächeln und Lachen während eines Laufes wirklich echt waren und nicht binnen eines Sekundenbruchteils nach Ende der Aufführung vor Erschöpfung in sich zusammenfallen würden, wie das gekünstelte Grinsen ihrer vielen Vorgänger. Sie lief los und zeigte: Kommt, es ist völlig egal, was das hier für eine Veranstaltung ist, lasst uns heute Abend einfach Spaß haben, tanzen, feiern, fröhlich sein. Und das Publikum tanzte und feierte. Dass sie dabei ihre tollen gezirbelten Hüpfzitzlers sprang und sauber stand, geriet eigentlich in den Hintergrund bei ihrer so lockeren und bezaubernd ehrlichen Art und Weise. Alysa Liu hat mich eingefangen, sie ist mein persönliches Highlight der diesjährigen Olympiade. Schaut euch das unten verlinkte Video an und ihr wisst, was ich meine.

„Eiskunstlauf: Gold-Kür von Alysa Liu“ des Youtube-Kanals von sportschau.de
PS: Ganz großartig war natürlich auch der kasachische Goldmedaillengewinner, der es drauf hatte, bei der Eiskunstlauf-Gala in einem dicken Pandakostüm aufzulaufen, während alle anderen dort normale Eislauf-Programme in zierlichen Kostümchen vorzeigten. Ganz großer Spaß!

„Die Highlights der Eiskunstlauf-Gala“ des Youtube-Kanals von sportstudio
