Keine Angst, es ist nichts Schlimmes passiert. Aber aus Gründen der Fairness gibt es trotzdem eine…
~ Triggerwarnung: Tod ~
Das Nachdenken über das Sterben und den Tod an sich ist – so vermute ich – bei vielen Menschen nicht alltäglich. Bei mir schon.
Ich kann es nicht erklären, es gibt in den meisten Fällen gar keinen konkreten Grund, und doch vergeht bei mir kaum ein Tag, an dem ich nicht in irgendeiner Art und Weise über den Tod nachdenke. Ganz allgemein den von mir unbekannten Menschen, aber auch den von Freunden und Familie, den meiner Katze und nicht zuletzt natürlich meinen eigenen. Ersteres geht oft einher mit Ohnmachtsgefühlen, insbesondere wenn man wieder einmal liest, welcher durchgeknallte Herrscher gerade wieder irgendwelchen Allmachtsfantasien nachhängt – und die allgegenwärtige Angst, dass dies auch konkret für unserLand nicht mehr unmöglich scheint und sich damit unsere eigene Vergangenheit wiederholen könnte. Bei mir Nahestehenden, egal ob Mensch oder Tier, sind es hingegen primär mentale Vorbereitungen auf das Unausweichliche, völlig gleich, wie weit entfernt es auch scheinen mag.
Ich denke auch über meinen eigenen Tod nach. Beispielsweise hätte ich noch vor einigen Jahren jedem geraten, eine Wette darauf abzuschließen, dass ich eines Tages von einem dieser wunderschön auf Kopfhöhe angebrachten Außenspiegel eines Busses erschlagen werde. Beinahe-Kollisionen sind in der Tat noch immer nicht so selten, wie man glauben mag.
Oder wie oft denkt man „Oh Mann, ich bringe dich gleich um!“, wenn irgendjemand einem auf den Geist geht. Natürlich bin ich ebensoweit weg von Mord und Selbstmord wie jeder von uns. Dennoch passiert es so manches Mal, dass ich daraufhin seltsam lange über einen möglichen Weg nachsinne, wie mir dies wohl möglichst straffrei gelänge.
Es sind Gedankenspiele, die in meinem Kopf kreisen, gegen die ich auch nichts tun kann. Sie sind einfach da. Bin ich damit eigentlich allein oder geht das anderen auch so?
Tatsächlich jedoch habe ich beinahe einen Menschen auf meinem Gewissen. Ich bin mir sicher, dass jeder von uns vielleicht schon einmal zu unachtsam im Straßenverkehr war und Schlimmeres nur durch die Mithilfe anderer Verkehrsteilnehmer verhindert werden konnte. Doch so eine Geschichte ist dies nicht. Bei mir war es wirklich nur eine Haaresbreite.
Vor nicht allzu vielen Jahren wandelten wir wieder einmal auf einem Mittelaltermarkt umher. Die obligatorische Bogenschießanlage aufzusuchen ist bei mir Pflicht. Doch auf diesem speziellen gab es zusätzlich etwas anderes: Die Möglichkeit, eine realistische Armbrust auszuprobieren.
Die Dinger sind wirklich nicht einfach zu bedienen. Allein die Kraft, die es benötigt, sie zu spannen, darf nicht unterschätzt werden. Man muss wissen, dass traditionelle Armbrüste keinen Abzug haben, wie man ihn von modernen Waffen her kennt, sondern eher einen langen Hebel an der Unterseite des Schaftes, der Schulterstütze oder wie auch immer das hier korrekt heißen mag. Das ist ganz ähnlich einem Bremshebel an einem Fahrradlenker.

Ich wurde also von diesem jungen Menschen am Stand in die Bedienung eingewiesen, nicht sonderlich tiefgründig. Die Belehrung fokussierte sich primär auf das Einlegen des Bolzens und das Spannen der Sehne. Stolz, genau diesen Kraftakt danach überstanden zu haben, nahm ich die Waffe also auf. Und genau wie besagten Fahrradlenker, umfasste ich den Schaft mit zwei Fingern – und mit den anderen beiden den vermeintlichen Bremshebel.
Ich unterschätzte nun zwei Dinge: Das Gewicht des Gerätes sowie die Leichtgängigkeit des Hebels aufgrund der extrem stark gespannten Sehne. Als ich die Armbrust also leichtfertig aufnahm, musste ich, überrascht ob des Gewichts, unwillkürlich fester zupacken. Und das tat ich mit allen Fingern gleichzeitig. Das Ergebnis ist offensichtlich: Durch den völlig falschen Griff zweier Finger drückte ich damit sofort den Abzughebel an den Schaft.
Warum jener Mensch nach seiner Einweisung noch immer so unbekümmert in meiner Nähe verweilte, weiß ich nicht. Doch natürlich löste sich der Bolzen nach meiner unwillkürlichen Korrektur unmittelbar: Ich war überhaupt noch nicht bereit und stand völlig falsch – und nahm genau deshalb dessen Kopf direkt ins Visier.
Wenn er sich nicht genau in diesem Moment leicht bewegt hätte, ein Wackeln nur, wäre nichts mehr zu retten gewesen. Doch das unfassbar durchschlagskräftige Geschoss zischte glücklicher Weise knapp an seinem Ohr vorbei. Der Mensch schien es nicht einmal zu bemerken. Vielleicht war das auch besser so, dann vermutlich hätte er sich anderenfalls massivst erschreckt und hätte dann unwillkürlich eine falsche, tragisch endgültige Bewegung gemacht.
Und ich? Ich sah die Situation sehr wohl, aber realisierte sie im ersten Moment gar nicht. Ich nahm fröhlich meine restlichen Bolzen, etwas traurig, dass der erste verschenkt war, und versenkte sie nacheinander mehr schlecht als recht rundherum um das eigentlich angedachte Ziel, bedankte mich artig und zog von dannen.
Und dann wurde mir das Geschehene erst wirklich bewusst.
Ich weiß nicht, wie lange ich zitternd dastand und schweißgetränkt vor mich hinstarrte. Ich weiß es wirklich nicht. Ich wäre beinahe für den Tod dieses Menschen verantwortlich gewesen. Trotz meiner vielen vielen Gedanken zum Thema Tod konnte ich bis jetzt nicht für mich klären, ob ich mir das jemals hätte verzeihen können. Doch es wird für immer in meinem Kopf bleiben. Ein weiterer tödlicher Gedanke.
Die Moral von dieser Geschichte? Man kann sich gedanklich noch so sehr alle möglichen oder unmöglichen, schrecklichen Szenarien vorstellen und ausmalen, man kann sie noch so oft durchspielen, doch wenn das Unaussprechliche einmal doch eintritt oder eben nur ganz knapp nicht, merkt man wohl: Man kann nie wirklich auf den Tod vorbereitet sein, vermute ich. So schlicht, so einfach.
Aber weil ich euch jetzt nicht in einer seltsamen Stimmung entlassen möchte, bekommt ihr hier ein altes Katzenvideo!
