Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Zeit des Gebens

Dies ist mein 100. Blogpost hier. Das wirkt irgendwie wichtig. Und weil ich ihn deswegen nicht an ein x-beliebiges Thema verschwenden möchte, und weil es gerade in die Weihnachtszeit passt (warum auch immer Menschen sich nur einmal im Jahr berufen fühlen, sich gönnerhaft zu geben…), will ich euch von meinen regelmäßigen, monatlichen Gaben berichten. Nicht, weil ich Anerkennung benötige für mein Tun, sondern weil ich der Meinung bin, dass diese Organisationen und Menschen alle Beachtung verdienen, die wir ihnen geben können.

Vorsicht! Dies ist absolut kein Weihnachts-Wohlfühltext.

Sea-Watch

Sie kommen zu Tausenden, doch die Allermeisten
Werden das gelobte Land niemals erreichen
Denn die Patrouillen werden sie aufgreifen
Um sie in unserem Auftrag zu deportieren
Und der Rest, der wird ersaufen
Im Massengrab vom Mittelmeer

Weil das hier alles kein Märchen ist
Kein Happy End für all die Leute
Und wenn sie nicht gestorben sind
Sterben sie noch heute

– Die Toten Hosen, Europa

Jede einzelne Nachricht, die an mir vorbei kommt und die wieder einmal nüchtern über ein paar tote Menschen berichtet, um danach seelenruhig über den aktuellen Bundesliga-Spieltag zu schwadronieren, bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Wie kann es sein, dass wir als EU, wir als Deutschland, wir als ach so zivilisierte Gesellschaft es hinnehmen, dass andere Menschen, Notleidende, Verfolgte, Hochschwangere, Kinder, Menschen, deren sogenanntes Verbrechen es ist, einfach ein besseres Leben zu erstreben, einem qualvollen Ertrinkungstod ausgesetzt werden? Weil wir „unsere Außengrenzen schützen“ müssen? Was da im Mittelmeer passiert, ist reiner Mord. Mir fehlen bei dem bloßen Gedanken daran die Worte. Wir leben hier im Wohlstand, wir wissen kaum, wohin mit all unserem Geld, leisten uns Urlaube, teure Hobbies, Eigenheime mit Gärtchen, mehrere teure Luxusautos. Wir leben in totalem Überfluss und wir vertragen es nicht, den paar Häufchen Elend zu helfen, denen es am Notwendigsten fehlt.

„Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“

Dieses Zitat wird wahlweise Helmut Kohl, Gustav Heinemann oder Dostojevki in irgendeiner Form zugeschrieben oder auch ganz anderen, je nachdem, welche Quelle man zurate zieht. Egal, wer es letztlich erstmals gesagt haben mag, es hat nichts von seiner Brisanz verloren.

Unser Wohlstand ist ausschließlich dadurch entstanden, dass wir andere Teile der Welt ausbeuten, das Klima ruinieren und irgendwelche zwielichtigen Gestalten ganz weit weg mit Waffen versorgen. Und dann bestrafen wir die Menschen jener Gegenden dafür, dass sie auch etwas von dem leckeren Kuchen abhaben wollen, den sie für uns gebacken haben?

Sie kommen über das Mittelmeer, sie haben dafür alles hinter sich gelassen und alles gegeben. Für eine Chance auf ein Leben geschützt vor Willkür, Ausbeutung, Todesstrafe, Verfolgung, Krieg, Hunger, … Und dann kommt Frontex und schiebt alle einfach zurück, übergibt sie direkt den Menschen, vor denen sie fliehen oder lassen sie schlicht nicht in unsere Häfen einlaufen.

Sea-Watch tut etwas dagegen. Sea-Watch kämpft. Ehrenamtlich schuften Menschen fernab ihrer Heimat wochen- oder monatelang auf Schiffen, ziehen in Seenot geratene Menschen aus dem bitterkalten Wasser, versorgen sie mit Nahrung, Kleidung und Medizin. Hier ist jede Hilfe notwendig, insbesondere, weil sie neben humanitären Kämpfen auch zahlreiche juristische Verfahren unserer ach so toleranten Gesellschaft auszufechten haben, weil ihr Tun angeblich illegal ist.

SPENDENKONTO:
IBAN: DE63 4306 0967 1239 7690 03
BIC: GENODEM1GLS
Kreditinstitut: GLS Gemeinschaftsbank
Kontoinhaber: Sea-Watch e.V.

Zusammenhalt und Menschlichkeit
Waren mal das Fundament
Schau was uns nach ein paar Jahren
Heute von diesen Werten trennt
All die vielen goldnen Sterne
Sind so schön doch weit entfernt
Aus den Trümmern all der Kriege
Haben wir noch nichts gelernt


Sieh die Sterne dunkel werden
Schein‘ noch nicht in dieser Nacht
Wer hat das Feuer ausgemacht?
Sieh die Sterne bitter weinen
Wenn die Freiheit untergeht
Und sie im Wind der Zeit verweht

– Saltatio Mortis, Europa

Irmela Mensah-Schramm: Hass vernichtet

Es muss um die achte Klasse herum gewesen sein, im Rahmen des sonst eher fragwürdig sinnvollen Ethikunterrichts. Es gab einen Schulausflug in die Cottbuser Oberkirche. Dort hatte eine, in meiner damaligen Wahrnehmung schon alte, Dame eine Ausstellung. Das Tun dieser Dame hatte mich damals so tief beeindruckt, dass sie nie wieder aus meinem Gedächtnis verschwand – und das mit jedem beschissenen Hakenkreuz an einer Häuserwand aufs Neue in Erinnerung gerufen wurde.

Vor nicht allzu langer Zeit las ich zufällig ein Bericht über eine Dame, die irgendwo angeklagt wurde, weil sie angeblich Sachbeschädigung beging, Häuserfassaden beschmierte. Es ging um genau jene Dame aus meiner Erinnerung. Es ging um Irmela Mensah-Schramm.

Das Verbrechen dieser Frau besteht darin, dass sie rechtsextreme Symbolik und Hasstexte aus dem öffentlichen Raum verschwinden lässt. Sie übermalt Hakenkreuze, sie verändert Parolen mit viel Herz und Verstand durch wenige, gezielte Pinselstriche derart, dass sie plötzlich ganz andere Aussagen darstellen.

„Merkel muss weg“ wird zu „Merke! Hass weg!“. So großartig! Und dafür muss sie sich jeher vor Gerichten verantworten. In was für einem verdrehten Rechtssystem leben wir eigentlich?

Diese Frau zeigt, was Zivilcourage bedeutet. Diese Frau hat mehr Mumm in den Knochen als wir alle zusammen. Diese Frau hat verdammt nochmal ihre Kämpfe vor Gericht nicht allein auszutragen!

Spendenkonto
Irmela Mensah-Schramm
Berliner Sparkasse
IBAN: DE11 1005 0000 0910 1335 90
Kennwort: Hass vernichtet

Zentrum für Politische Schönheit

Immer mal wieder tauchten Aktionen dieser Künstlergruppe am Rande meiner Wahrnehmung auf. Im Laufe der letzten Jahren wurden ihre Aktionen immer größer, erreichten ein teilweise überwältigendes, internationales Medienecho.

Die Mitglieder des Zentrums für Politische Schönheit sehen ihre Gruppe als eine Denkfabrik, die Menschenrechte mit Aktionskunst verbinden soll. Ziel sei es, durch künstlerische Interventionen („Bewusstmachung“) auf „humanitäre Themen“ und den „Schutz von Menschenleben“ aufmerksam zu machen. Genozide, Flüchtlingsbewegungen und politische Untätigkeit sind die bevorzugten Themen.

– Wikipedia, „Zentrum für Politische Schönheit“, 13.12.2025

Spätestens mit der Aktion, bei der sie die Leichen der Menschen ausgruben, die irgendwo an den europäischen Außengrenzen verreckt und verscharrt wurden – darunter ein zweijähriges Kind – und diese mit Zustimmung ihrer Angehörigen vor dem Reichstag aufbahren wollten, erlangten sie 2015 meine vollste Aufmerksamkeit. Das kann man vielleicht noch fragwürdig finden. Doch 2017 errichteten sie eine Kopie des Holocaust-Mahnmals direkt vor dem Haus eines ranghohen AfD-Arschlochs, nachdem dieser bei einer seiner übelkeiterregenden Hetzreden mal wieder völlig entgleiste. Damit hatten sie meine Sympathie gewonnen.

In diesem Jahr fielen sie vor allem dadurch auf, dass sie das ARD-Interview mit der AfD-Tussi durch lautstarke Beschallung derart störten, dass es nicht mehr sinnvoll durchführbar war. Vor etwa zwei Wochen errichteten sie eine lebensgroße Bronzestatue für den von Nazis ermordeten CDU-Politiker Walter Lübcke direkt vor der CDU-Parteizentrale, die aktuell in einem Meer aus Blumen zahlloser Anteilnehmender schwimmt und die gerade die wahre Gesinnung der gesamten CDU-Führungsriege offenbart. Diese übt sich seit dem in einer Hasstirade nach der nächsten, anstatt sich dem Gedenken an ihren Parteikollegen anzuschließen, der vor allem dadurch bekannt war, dass er sich klar und deutlich gegen Rechtsextremismus gestellt hatte.

Unterstützt werden darf diese stabile Organisation mithilfe ihrer Webseite.

Weiteres

Ansonsten ist es mir vor einigen Monaten endlich gelungen, Kontakt zu einer lose organisierten Gruppe junger Menschen zu knüpfen, die in ihrer Freizeit einige der größten Demonstrationen der letzten Jahre in Berlin organisierten, vor allem die Anti-Nazi-Demos im Frühjahr letzten Jahres: Hand in Hand: Wir sind die Brandmauer. Sobald es mir gesundheitlich erlaubt ist, werde ich da vermutlich auch etwas tiefer eintauchen, damit auch ich endlich einmal das Gefühl bekomme, nicht mehr nur ohnmächtig am Seitenrand stehen zu müssen.

Neben antifaschistischen Themen bin ich der festen Überzeugung, dass diesem Land sehr viel mehr Bildung unfassbar gut tun würde. Viele der unangenehmen, politischen Strömungen lassen sich ganz sicher auf mangelnde Bildung, mangelndes Verständnis von Zusammenhängen sowie mangelnden Fähigkeiten, sich mit komplexen Themen ausreichend zu beschäftigen, zurück führen. Deswegen möchte ich mich zukünftig auch stärker in diesem Bereich engagieren – gerade in Zeiten, in denen Kultur- und Bildungsangebote als allererstes den schmalen Haushalten zum Opfer fallen. Deswegen habe ich ein Jahresabo der Spektrum, wie bereits einmal erwähnt, und deswegen habe ich einen Antrag auf Mitgliedschaft im Förderverein des Deutschen Technikmuseums Berlin eingereicht. An irgendeiner Stelle muss man ja anfangen.

Ich finde, jeder, der es sich leisten kann, sollte überlegen, wie er der Gesellschaft nutzen kann, wie er Missständen auf seine Weise entgegen treten kann. Vielleicht findet sich ja auch bei euch die eine oder andere Möglichkeit, sich zu engagieren, oder zumindet engagierte Menschen zu unterstützen.