Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


London 2025, Tag 5

Es kommt nicht oft vor, dass sich die Gelegenheit bietet, meinen schicken, maßgeschneiderten Mantel ausführen zu können. Selbst ein so gigantischer Modebanause wie meine Wenigkeit erkennt, dass ein so edles Stück nicht mit meinen Bauarbeiterhosen kombiniert werden darf. Da ich aber auf besagte Hosen schwöre und mir nicht vorstellen kann, sie in irgendeiner Form jemals zu ersetzen, ihre Praktikabilität und ihre Robustheit gegen etwas „Stilvolles“ einzutauschen, bleibt der Mantel nur einer handvoll von Ereignissen im Jahrzehnt vorbehalten: Einer Dissertationsverteidigung, einem Bewerbungsgespräch vielleicht oder einem offiziellen, öffentlichen Firmenereignis.

Oder einem Tag wie diesem. Genau dafür habe ich ihn extra eingepackt. Zusammen mit meiner einzigen Jeans – die mir zugegebener Maßen langsam etwas eng wird um die Hüften.

Die bessere Hälfte verlangte, einmal die Baker Street sehen zu wollen und natürlich ein Foto von der Hausnummer 221b zu machen. Tja, und da ebenjener Mantel in groben Zügen dem Cumberbatch-Sherlock nachempfunden ist, ergab sich dadurch die ultimative Gelegenheit, diesen hierhin am Beginn des Tages zu entführen.

Ich hingegen hatte noch einen Punkt auf meiner Liste offen, die berühmte Abbey Road nebst den namensgleichen, weltberühmten Studios:

Natürlich waren wir auf dem sich davor befindlichen Fußgängerüberweg nicht die einzigen Menschen – sehr zum Leidwesen des regulären Verkehrs, der da sekündlich stoppen musste, um den bekloppten Beatles-Fans und Touristen ein Foto zu gönnen.

Es dämmerte und das bedeutete, wir mussten uns aufmachen in die Londoner Innenstadt. Ein wenig flanierten wir noch durch die sehr teuren, aber hübsch beleuchteten Ecken der High Society. Dass ich auf dem Weg dorthin kurz aufschrie und so unerwartet wie hastig in letzter Sekunde asu dem Bus sprang, hatte den Grund, dass ich im Vorbeifahren diese Gestaltungen in den Schaufenstern des exklusiven Selfridges-Kaufhauses bemerkt hatte:

Afternoon Tea bei Fortnum & Mason

Unser eigentliches Ziel war jedoch das mindestens ebenso exklusive und unter anderem für sein mannigfaltiges Teesortiment berühmtes Kaufhaus Fortnum & Mason. Die bessere Hälfte hatte sich vor einem halben Jahr eine echte britische Tea Time zum Geburtstag gewünscht und für sie gibt es selbstverständlich nur das Beste: The Diamond Jubilee Tea Salon, für das sich der normale Bauarbeiterdress nun wirklich nicht ziemte, wie ich fand.

Ich gebe zu, meine Schwarzteeauswahl schmeckte – nach Schwarztee. Und auch die gereichten, sicherlich extrem erlesenen Häppchen trafen nur teilweise meinen Geschmack. Eine Currywurst mit Pommes hätte ich letztlich vorgezogen. Ich Banause. Aber es war dennoch ein sehr entspannender und entspannter Nachmittag, den wir in vollen Zügen genossen.

Celebrating Christmas in der Royal Albert Hall

Ich gebe zu, ich hätte Tickets für einfach alles gekauft, wenn ich dadurch nur die Chance bekommen hätte, diese Halle einmal von innen sehen und sogar in angemessener Beschallung erleben zu dürfen. Mit einem Weihnachtsabend zum Abschluss unseres London-Besuchs konnte ich dann sogar meine Begleitung von einem Besuch überzeugen.

Ich gebe auch zu, ich hatte vorher nur bedingt eine Ahnung, was The Salvation Army eigentlich genau ist. Ich wusste, die Heilsarmee hatte etwas mit der Kirche zu tun und ich wusste, dass sie irgendwie karitativ unterwegs war. Dass sie selbst eine eigene Kirche ist, das lernte ich erst hinterher, als ich bereits erfahren musste, dass dieser Abend eine einzige große Christmesse darstellte.

Nichtsdestotrotz, es war wirklich ein gelungener Abend. Die Royal Albert Hall wollte ich sehen, seit ich vor Jahren einmal irgendwo eine Konzertübertragung daraus gesehen hatte. Und sie ist noch viel spektakulärer, als ich es je erwartet hatte! Die Veranstaltung selbst scheint etwas sehr Traditionelles zu sein, und wird jährlich an ein Millionenpublikum weltweit übertragen, was mir ebenfalls nicht bewusst war. Entsprechend hochklassig war aber die musikalische Aufmachung. Drei feste – ich nenne es mal Abteilungen – bildeten den Rahmen: eine Art bessere Blaskapelle, eine Big Band und ein Chor. In der Mitte ein Flügel, eine Harfe, eine Solistengeige und etliche Gesangssolisten. Dazwischen ein wenig Tanz, eine moderne Fassung des Krippenspiels und mehrere Gebete. Garniert wurde das Ganze mit einigen Mitmach-Parts, bei denen das gesamte Publikum aufgefordert war, ein paar Lieder zusammen zu singen, deren Texte glücklicher Weise auf Monitoren angezeigt wurden. Von einigen der Lieder kennt man hierzulande von diversen Weihnachtsmarktbeschallungen maximal zwei Zeilen des Refrains, einige hatten wir noch nie gehört, aber ich bewegte immerhin respektvoll meine Lippen mit. Gänzlich unbeleckt bin ich aber dank eines definitiv der Bildenden Kunst zuzuschreibenden, musikalischen Weihnachtswerkes einer gewissen deutschen Rockgruppe nicht mehr und so konnte ich sogar die ersten Zeilen und die Melodie des ersten dort zelebrierten Gesangsstückes mitkrächzen. Ob der christlichen Gemeinschaft dort jedoch zugesagt hätte, wenn ich den mir bekannten, folgenden, von den dort übertragenenden Strophen abweichenden Text weiter rezitiert hätte, in dem es heißt, dass Maria Gefallen an Viagra gefunden hatte, wage ich dann jedoch behutsamst zu bezweifeln.

Doch egal wie man inhaltlich zu alledem stehen mag: Die Halle war es absolut wert. Einen so intensiven Klang, eine so definierte Akustik, die laut und deutlich die vielen verschiedenen Töne, von den mächtigsten Orgelpfeifen bis hin zur zärtlichsten Mädchenstimme, ins Publikum transportierte, habe ich noch nirgends anders erleben können. Es war wirklich ein ganz großer musikalischer Genuss!

[to be continued]