Westminster Abbey
Das Wetter war heute englischer. Umso besser traf sich, dass unsere heutigen Termine alle unter verschiedenen Dächern stattfanden.
Ich habe eigentlich ein sehr festen und vielleicht auch sehr radikalen Standpunkt, was den Besuch von Kirchen betrifft: Ich tue es meistens schlicht nicht, vor allem dann, wenn sie Eintritt kosten. Ich empfinde es als falsch, einer Institution Geld zu geben, die über Jahrhunderte durch Ausbeutung und Betrug Unmengen an Reichtum angehäuft hat. Doch es gibt eben auch die berühmten Ausnahmen. Und eine davon heißt Sir Isaac Newton. Ich wollte schon immer einmal sein Grab sehen. Ich finde es faszinierend, dass ein Wissenschaftler mit einer Bestattung in einer Kirche gewürdigt wurde. Und er ist nicht der Einzige, wie ich lernen durfte.
Unverhofft stolperte ich beispielsweise über die Grabplatte eine gewissen Charles Darwin, dessen Evolutionstheorie in erzkonservativen und ultrareligiösen Gegenden der Erde bis heute ein Dorn im Auge der hiesigen Kirchen ist. Meine Achtung vor der britischen Kirche stieg. Es fanden sich weitere wie Lord Kelvin und – zu meiner absoluten Überraschung – neuerdings auch Prof. Stephen Hawking.
Überhaupt war ich verblüfft. Westmister Abbey ist weniger eine klassische Kirche, als viel mehr ein überdachter Ehrenfriedhof. Ich habe keine Ahnung, wie viele hundert oder gar tausend Grabstätten sich dort befinden, namhafte Leute der Geschichte, von Königen bis Dichtern. Es war wirklich spannend zu sehen. Und ich bin sehr froh, hier mit meinen Prinzipien gebrochen zu haben.
British Library: Sir John Ritbal Gallery
Es gibt einen Geocache, der durch die British Library führt. Ich hatte ihn im September bereits begonnen, konnte ihn aber aufgrund des Wochentags – es war natürlich Sonntag – nicht zu Ende bringen. Doppelt unglücklich war es, dass zeitgleich die Sir John Ritbal Gallery, die „Treasures of the Library“, wie sie dort genannt wird, gerade wegen Renovierung geschlossen war.
Wir nutzten also das bescheidene Wetter und unsere hinreichend großzügige Zeitspanne bis zur Abendveranstaltung für einen Besuch dort. Das Gebäude selbst ist erschreckend langweilig, manche mögen es sogar hässlich nennen. Es handelt sich dabei um einen schlichten, modernen Neubau. In die Lesesäle mit den spannenden Büchern, Karten und Zeitschriften kommt man auch nur mit Mitgliedsausweis hinein, blieben uns also verschlossen. Der damit einzige wirklich spannende Teil ist die in der Mitte des Gebäudes prangende King’s Library. Ein hoher, schwarzer Glaskasten, der sich über alle Etagen erstreckt und den man zwar nicht betreten, aber auf jeder Etage von allen Seiten bewundern kann.
Das eigentliche Prunkstück jedoch, ist die bereits erwähnte Sir John Ritbal Gallery. Sie zeigt wahrliche Schmuckstücke der Geschichte. Bücher, Notizen, Schriftrollen. Alles, was irgendwie notiert werden kann und von historischer oder wissenschaftlicher Bedeutung war, lässt sich dort besichtigen. Es finden sich uralte Bibeln und Korane, handschriftliche Notizen von Beethoven bis zu den Beatles, wissenschaftliche Abhandlungen von Leonardo DaVinci bis zu Alan Turing. Es ist ein Paradies! Und ich bin total glücklich, dass ich dem Autoren des Geocaches hier vertraute, der den Besuch dort ohne Wenn und Aber nahelegt und weshalb ich mich dort ein zweites Mal einfand.
Hans Zimmer Live
Unser eigentlicher Grund für den Londonbesuch war dieser Mann. Wir lieben seine Musik und besonders seine Konzerte. Das erste Mal hatte ich ihn 2016 in der Berliner Mercedes-Benz-Arena (heute: Uber-Arena) gesehen, für überschaubares Geld, jedoch von sehr weit hinten. Doch das Konzert hatte mich derart berührt, dass ich es unbedingt für mich und die Nachwelt in Video festhalten wollte. In Ermangelung einer offiziellen DVD oder Ähnlichem, setzte ich mich an dieses Projekt:
Ich nahm mir alle verfügbaren Handy-Schnipsel von Youtube und baute sie akribisch zusammen. So entstanden komplette Schnitt-Versionen der ersten drei Stücke, über dreißig Minuten Konzert. Man kann rechnen, dass ich pro Minute Video etwa vier Stunden Arbeit benötigte, aber es hat sich gelohnt, finde ich. Doch dann wurde tatsächlich eine offizielle Video-Version veröffentlicht und der Reiz des Ganzen war verflogen.
Lange Rede, kurzer Sinn. Die erste Show konnten wir ein Jahr später noch ein weiteres Mal, diesmal sehr viel näher an der Bühne sitzend in der Arena Leipzig genießen. Seine zweite Show fand 2023 wieder in der Berliner Mercedes-Benz-Arena statt, die Ticketpreise, insbesondere für die vorderen Plätze hatten sich derweil vervielfacht. Und doch gönnten wir uns das Beste. Auch wenn ich die Show nicht so stark fand, wie die erste – auf sehr hohem Niveau kritisiert -, es war klar, wenn Hans Zimmer, dann ganz vorn. Es machte einfach Spaß, die Freude der fast fünfzig Musiker zu sehen und durch sie noch tiefer in die Musik abzutauchen. Leider finden wir seither, dass die Akustik der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof eher suboptimal geeignet ist für eine derartig vielschichtige Klangkulisse.
Und so kam es, wie es kommen musste: Hans Zimmer kündigte seine dritte, noch spektakulärere Show an und wir entschieden uns, auch hier wieder exorbitante Preise zahlen zu wollen, dies jedoch erstens in einer anderen Arena auszuprobieren – der Akustik wegen -, und es zweitens, endlich als Anlass zu nehmen, den viel zu lange aufgeschobenen Londonbesuch zu unternehmen.
Die Londoner O2-Arena ließ uns nicht im Stich. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Akustik auf irgendeine Art schlecht gewesen sein könnte. Wir erlebten den vollen Konzertgenuss, wie man ihn bei solchen Preisen (280 Euro pro Karte!) auch erwarten darf.
Über das Konzert an sich, kann ich kaum weitere Worte verlieren. Ich war hin und weg. Es war deutlich besser als 2023, auch wenn ich finde, dass es nicht die erste Show toppt. Aber vielleicht ist es auch einfach, weil die ersten Male in Erinnerungen oft die besten bleiben, insbesondere wenn sich Konzerte durch vieles Anhören und Ansehen der vorhandenen Aufnahmen nachhaltig ins Gedächtnis eingebrannt haben. Doch die zahlreichen Neuinterpretationen seiner eigenen Stücke war gigantisch. Allein vier Percussion-Sets auf der Bühne, sowie vier bis sechs Gitarren. Dazu eine Reihe von Streichern, Bläsern, einem Chor und einer Wand von Synthesizern ergeben ein Musikerlebnis, das man sonst niemals erleben wird. Die Musiker hatten scheinbar den Spaß ihres Lebens, lachten ununterbrochen, machten Scherze miteinander, trieben sich gegenseitig zu Höchstleistungen. Mein Highlight war ohne Frage der Gitarrist Guthrie Govan. In deren aller Mitte stand der Maestro persönlich, immer andere Instrumente in der Hand und eine Lobeshymne nach der nächsten an seine Musiker auskippend.
Ich hoffe inständig, dass es von dieser Show eine weitere offizielle Aufnahme geben wird, denn anderenfalls werde ich irgendwann wieder tagelang dasitzen und Handyschnipsel zusammenpuzzlen. Denn diese Show gehört für die Nachwelt aufgehoben!







































