Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Auseinandergelebt. Auseinandergelebt?

„Ihr seid viel schlechter als früher.“, oder gar „Ihr seid euch nicht treu geblieben!“ sind Sätze, die man früher oder später in jedem Fanforum oder vergleichbarer moderner Plattform über Künstler finden wird. Das ist natürlich oftmals absoluter Quatsch. Diese Aussagen sollen meistens nur ausdrücken, dass das neue Werk oder die letzten Werke anders geraten sind, als man selbst es erwartet hatte. Vielleicht findet man es einfach nicht mehr gut, es passt nicht zu dem eigenen Geschmack. Dabei aber dem Künstler vorzuwerfen, sich selbst „untreu“ geworden zu sein, ist nicht in Ordnung und zeugt meiner Meinung nach primär von mangelnder Selbstreflektion.

Künstler, ob Musiker, Band oder Zeichner, entwickeln sich weiter, genau wie jeder andere Mensch. Niemand will nach vierzig oder mehr Jahren auf seine Karriere oder auf sein Leben im Allgemeinen zurück schauen und feststellen müssen, dass man sich seit seinen Zwanzigern nicht mehr bewegt hat. Es ist völlig natürlich, dass eine Band irgendwann vielleicht nicht mehr die Musik macht, durch die man sie kennen und lieben gelernt hat. Ein Zeichner wechselt gern einmal seinen Stil oder wendet sich neuen Themen zu. Parallel dazu wird der (ehemalige) Fan ebenfalls erwachsen und älter. Dass beide Seiten sich in die absolut gleiche Richtung bewegen, ist vermutlich so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn.

Das erste Mal, das ich so etwas aktiv miterlebt habe, damals im positiven Sinn, war der erste Wechsel der Frontfrau von Nightwish, einer Band, die ich damals sehr geliebt hatte. Die folgenden beiden Alben mit der neuen Sängerin Anette Olzon, Dark Passion Play sowie das unfassbar epische Imaginaerum, halte ich bis heute für die besten Werke ihrer Geschichte. Der Stil hatte sich spürbar geändert, für einen Großteil der wahrnehmbaren Fangemeinde ein „Verrat an ihrem Vermächtnis“, doch meinen Geschmack trafen sie besser denn je.

Dennoch, Nightwish und ich, wir gehen seit Jahren getrennte Wege. Denn der darauf folgende zweite Sängerin-Wechsel machten ihre Musik und leider sogar ihre Konzerte für mich einfach nur langweilig. Hier hatte ich es erstmals mit der, zugegeben sehr viel wahrscheinlicheren, Seite der Medaille einer Weiterentwicklung zu tun. Die Band und ich, wir passten nicht mehr zusammen.

Der jüngste Fall trifft den bisher von mir sehr geschätzten, auftrebenden Zeichner Kplx (Ich weiß ja auch nicht, wie man den ausspricht). Seit dem diesjährigen Inktober zeichnet oder malt er in einem völlig neuen Stil, der mir persönlich allerdings leider nicht mehr zusagt. Das wiederum kann und will ich dem Künstler überhaupt nicht übel nehmen. Warum auch? Er hat entschieden, nicht mehr das Gleiche zu tun, wie all die Jahre vorher, wollte etwas Neues ausprobieren und fühlt sich darin offensichtlich wohl. Er wird damit sicher andere Fans generieren, welche, denen vielleicht seine vorige Arbeit nicht zusagte. Nur bei mir wird wohl leider kein weiteres Bild von ihm an meiner Wand landen. Schade, aber nicht zu ändern.

Auspacken eines liebevoll verpackten Kplx-Originals

An solch einem Scheideweg wähne ich mich gerade wieder.

Als vor einigen Jahren die Nachricht kam, dass Lasterbalk die Band Saltatio Mortis verlassen würde, war das für mich ein durchaus trauriger Moment. Lasterbalk war für mich das Herz und die Seele der Band, der Märchenonkel, der jede Liedansage in eine emotionale Geschichte verpacken konnten. Lasterbalk fehlt auf Konzerten spürbar, denn sind wir ehrlich: Die Ansagen von Sänger Alea sind, nun ja, ausbaufähig. Doch davon abgesehen hatte es die Band gut geschafft, sein Fehlen zu kompensieren. Statt ihm sitzt jetzt nun der Zweitgitarrist hinter dem Schlagzeug und das hin und wieder zum Einsatz kommende Klavier wird bislang ausgespart, ohne dass es mir bisher auffällig gefehlt hätte.

Lasterbalk bei der „In Castellis“-Tour 2019, Oranienburg

Anfang dieses Jahres hat sich nun auch Luzi verabschiedet. Er war stets ganz vorn auf der Bühne dabei, sein Dudelsack domierte so einige Lieder und Konzertarenen. Ohne ihn würde Saltatio Mortis deutlich anders klingen, das war mir sofort bewusst. Als Grund gab die Band „Schwierigkeiten und Differenzen“ an, die viel Raum für Spekulationen geben. Ich habe mir unter anderem Differenzen musikalischer Natur vorgestellt – ob das zutrifft oder nicht, sei dahin gestellt. Doch betrachtet man die letzten beiden Alben, stechen für mich leider primär die Schlagerballaden und Ballermann-Töne heraus – provokativ gesagt. Von den beiden großartigen Songs Finsterwacht und dem hier schon öfters genannten Feuer und Erz abgesehen könnte ich aus den beiden Alben kein weiteres Lied nennen, das mich in irgendeiner Art und Weise wirklich begeistert hat. Dudelsäcke und Drehleiern, der ganze Mittelalterflair geht mir persönlich peu-a-peu verloren.

Dennoch… live ist diese Band immer eine Bank gewesen. Es sind weniger ihre Alben als ihre Konzerte, die mich immer und immer wieder Tickets bezahlen ließen. Ähnlich übrigens wie bei Die Toten Hosen.

Als ich in die Verti Uber Eats Music Hall kam, war sie schon gut gefüllt. Ich hatte mir Zeit gelassen. Mit einer Karte für einen Stehplatz in der Tasche kann man sich sicher sein, dass man, mit einem bisschen Konzerterfahrung zumindest in einer Halle immer nah genug für ein intensives Erlebnis an die Bühne herankommt. Das Banner für die Vorband hing schon. Bad Loverz. Kannte ich nicht, sah vom Schriftzug aus wie ein ganz schlimmer, trashiger Sound voller bemitleidenswerter Poser.

Das Licht ging aus, auf die Bühne kamen also die Jungs von Bad Loverz. Sie stimmten eine Melodie an, die mir vage bekannt vorkam, ich aber nicht sofort einordnen konnte. Sie hatten damit wider jeglichen Erwartens mein Interesse recht schnell wecken können. Ich schaute genauer hin. Auf der Bühne standen die Jungs von Saltatio Mortis, gekleidet in kreischende Glitzer- und Glamour-Rock-Outfits, dass selbst den hartgesottensten Glamrocker der 70er Tränen in die Augen getrieben hätten. Ich lachte lauthals los. Sie spielten The Look von Roxette.

© by Bad Loverz

Respekt! Seine eigene Vorband zu sein, dazu in einer verrückten Parodie – übrigens samt eigener Webseite und eigenem Merchandise-Stand, das habe ich noch nie gesehen. Die Halle tobte und ich kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Es ist wahnsinnig witzig zu sehen, wie tausende Kehlen von Fans mittelalterlicher Rockmusik lauthals Take On Me oder Robbie WilliamsAngels mitgröhlen. Ein großes Vergnügen, das mich wirklich auf den „Hauptact“ einstimmte.

Doch dann… Ich kann nicht sagen, wann ich das letzte Mal enttäuschter meinen Heimweg von einem Konzert antrat. Wenn die „Vorband“ das (in diesem Fall komödiantische) Highlight des Abends war, war ich entweder nur für die Vorband überhaupt hingegangen – oder das Konzert war richtig mies.

Ich kann am Ende nicht einmal eindeutig mit dem Finger darauf zeigen. Vielleicht war es die Halle, die sich selbst rühmt, quasi keine Nachhallzeit zu haben, und damit jedes Publikumsecho verschluckt, das Hallenkonzerte so besonders macht. Wahrscheinlicher war es aber, dass Saltatio Mortis, obwohl sie gerade zum 25-jährigen Bandjubiläum eine fünf (!) LPs (drei CDs) umfassendes Best-Of-Album veröffentlicht und die Tour nach diesem benannt hatten, von 22 gespielten Liedern gerade einmal vier Stücke älter waren als zehn Jahre. Und damit einen Großteil ihrer eigenen, deutlich mittelalterlicher klingenden Zeit in einem Konzert vernachlässigten. Ganz ehrlich, ich gehe nicht auf ein SaMo-Konzert, um dann einen Gastauftritt eines Rappers mitzuerleben (der – Respekt dafür – gerade sein eigenes Konzert vor einem Vielfachen an Fans in der nebenan stehenden O2 Mercedes Benz Uber Arena beendet hatte und für diesen Kurzauftritt extra rüber gesprintet war). Ich möchte Dudelsäcke und Drehleiern, die gepaart mit modernen Rockinstrumenten den einzigartigen Sound der Band erzeugen und darbieten, wofür ich sie lieben gelernt hatte. Bei einem Jubiläumskonzert erwarte ich die volle Bandbreite ihrer Schaffenszeit und nicht einen extremen Fokus auf die letzten, für mich mit Abstand schlechtesten Alben ihrer Geschichte.

Ich glaube fest daran, dass das Fehlen von Lasterbalk, vor allem aber von Luzis Dudelsack dazu führten. Die Band orientiert sich musikalisch offensichtlich neu und geht in eine Richtung, die mir persönlich nicht mehr gefällt. Waren es bislang immerhin ihre Konzerte, die mich stets begeisterten, führte jetzt das auffällige Fehlen eines dominanten Dudelsackes dazu, dass die modernen Instrumente deutlich überwogen und vielleicht dazu, dass man einsehen musste, dass die alten, mittelalterlichen Töne und Lieder auf diese Weise, ohne Dudelsack, nicht mehr richtig gespielt werden können.

Ich weiß es nicht, vielleicht hatten die Jungs auch einfach nur Lust auf Party und Ballermann. Vielleicht wird das nächste Konzert ja doch wieder super. So sehr ich es hoffe, bleibe ich dennoch skeptisch. Und vielleicht muss ich mir dann ein weiteres Mal eingestehen: Die Band und ich, wir haben uns leider auseinander gelebt.



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