Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Neurodiverser Betriebsausflug

Betriebsausflüge sind notwendig. Sie dienen dazu, ein Team näher zusammen rücken zu lassen. Gerade in Zeiten von Home Office sehen sich Mitglieder von ein und dem selben Team oft nur am Bildschirm, einen festgelegten Zeitrahmen lang, gehetzt zwischen dem vorigen Termin und dem nächsten, nur zum Besprechen von Problemen – also, ich meine natürlich „Herausforderungen“ -, aber seltenst in einem positiveren, entspannteren Kontext. Dabei ist es unabdingbar, dass Teammitglieder sich auch untereinander kennen lernen, wenn sie sich gerade nicht in Stresssituationen befinden, um eine positive Dynamik erzeugen zu können. Das lässt vielleicht den einen oder anderen Kollegen in einem völlig anderen Licht dastehen, oder so manch einer mag erkennen, dass dessen Gegenüber gar nicht so streng und verbissen ist, wie man immer glaubte; und schon geht man zukünftig deutlich gelassener in gemeinsame Sitzungen.

Betriebsausflüge sind der Endgegner. Sie quellen gerade so über vor sozialer Interaktion zwischen oft nur oberflächlich bekannten Menschen. Es wird Smalltalk betrieben, es wird zusammen angestoßen, es werden Spielchen gespielt, es wird gelacht. Mal ist es ein höfliches Lachen, manchmal ist es echt, wer kann das schon so genau unterscheiden. Er fürchtete einfach alles davon.

Es mag eine willkommene Abwechslung im Berufsalltag sein, für jeden neurotypischen, „normalen“ Menschen, doch für neurodiverse Personen, wie zum Beispiel für Autisten ist jede einzelne Minute davon eine wahnsinnige Herausforderung. Er verstand den Sinn hinter diesen Veranstaltungen und gerade deshalb nahm er sich auch dieses Mal vor, sich darauf einzulassen, sich zu integrieren. Es ist nicht generell sein Problem, in Menschenmengen unterwegs zu sein. Damit hatte er für einen Autisten schon großes Glück. Menschenmengen wurden für ihn erst dann zum Problem, wenn die Gruppe meinte, ihn zu kennen, ohne dass dies im ausreichenden Maße tatsächlich zutraf. Und wenn er wusste, dass er die Gruppe genausowenig kannte.

„Teambuilding“ nannten sie es. Oder „Kennenlern-Spiele“. Und dann wurde er vor die Gruppe gestellt und alle Leute gafften ihn an. Was sollte er jetzt sagen? Er hatte keine Ahnung. War ein lustiger Spruch angemessen? Sollte er versuchen, intelligent zu wirken? Wen schaute er direkt an? Wer waren all diese Menschen überhaupt? Sein Hirn setzte komplett aus und schaltete auf maximale Panik. Er wusste nicht, was zu tun war, er hatte keine konkrete Aufgabe, aber die anderen sollten in diesem Spiel etwas über ihn sagen. Was das konkret war, wusste nicht einmal er selbst. Er wollte nicht, dass jemand etwas über ihn sagte. Sie kannten ihn nicht. Sie kannten sein Berufs-Ich, aber privat waren die meisten ihm niemals begegnet. Warum tun sie das? „Teambuilding“ nannten sie es. Oder „Kennenlern-Spiele“. Er wollte nur zurück in die letzte Reihe.

Der Tross zog durch den Wald. Er mittendrin und doch einzeln, irgendwie an den Wegrand gedrückt. Von allen Seiten strömten wie üblich Gesprächsfetzen auf ihn ein. Reize. Wenn er sich normalerweise in solchen Menschenmengen bewegte, konnte er sich in Momenten wie diesen seine Kopfhörer einstecken – die Geräusche übertönen, die Reizüberflutung stoppen, den natürlichen Filter anderer Menschen simulieren durch Übertönen des allgemeinen Gemurmels mit Musik, die er liebte. Doch das ging hier nicht. Soziale Interaktion wurde von ihm erwartet. Es war ein Wandertag. Gemeinsames Abschalten vom stressigen Arbeitsalltag. Gemeinsames Kennenlernen auf anderer Ebene. Nicht über die Arbeit reden. Abschalten vom stressigen Alltag. Wie zynisch. Das hier war Stress pur, wie sollte er da abschalten? Smalltalk. Worüber sollte er denn reden? Er kannte diese Personen nur von der Arbeit. Er hatte kein anderes Thema mit ihnen. Smalltalk. Sein Kopf schwirrte. Krampfhaft suchte er nach Gesprächsthemen, innerlich hoffend, dass er sie nicht brauchen würde. Den Kopf gesenkt, versuchend, die Gesprächsfetzen um ihn herum zu sortieren. Doch es war nicht möglich. Immer neue Fetzen kamen nach, wenn er die ersten geordnet gerade hatte. Filtern oder Ausblenden war für Leute wie ihn naturgemäß nicht möglich. Sein Kopf schwirrte. Zu viele Informationen aus allen Richtungen, die er aufnehmen und verarbeiten musste. Smalltalk. Konnte er sich in eines der Gespräche einklinken? Er hatte doch nichts beizutragen. Er hatte nichts Substantielles zu sagen. Wie verhält man sich normalerweise? Was wird gesellschaftlich von ihm verlangt? Sollte er zu der Gruppe vor ihm aufschließen? Sie sahen ihn nicht. Musste er sie womöglich von hinten überraschen, sich unabsichtlich anschleichen und das Gefühl erwecken, lauschen zu wollen? Oder sollte er sich zurückfallen lassen, um dort mitreden zu können? Vielleicht bot sich ja mal eine Gelegenheit, zu einer einzelnen Person aufzuschließen. Doch was sollte er dann sagen? Er lief weiter mittendrin und doch einzeln. Weit an den Wegesrand gedrückt.

Einzelne Personen überholten ihn hin und wieder. Einige versuchten ein Gespräch, doch er hatte stets das Gefühl, dass das, was er zu sagen hatte, den Gegenüber zu langweilen schien, trotz aller Mühe, die er sich gab, etwas zu erwidern. Oder waren seine Aussagen einfach unangebracht? Seine Fakten über die Bäume ringsumher, die Anzahl seiner gleichartigen Klamotten, die er besaß, oder dass er den See rechts von ihnen durchaus kannte. Es stresste ihn, was war von ihm erwartet? Wie viel Persönliches musste man preisgeben, wie viel war zu viel, wie viel war er überhaupt bereit zu geben? All diese Menschen um ihn herum waren so grundverschieden. Er kannte sie nicht, er konnte sie unmöglich alle kennenlernen, um sich auf sie einzeln einzulassen. Sie kannten ihn nicht und sie hatten vielleicht nichts gemeinsam. Inständig hoffte er auf diese eine Begegnung mit jemandem, bei dem sich ein gemeinsames Interesse offenbarte. Doch sie tat sich nicht auf.

Weitere Spielchen. Im Gegensatz zu sonst bemühte er sich nach Kräften, mitzuziehen, ja sogar voranzugehen. Doch wie streng musste er die Regeln auslegen? Dieser dort hatte geschummelt, dort hatte sich noch jemand bewegt, dritter hatte nicht lang genug gewartet. Durfte er jetzt etwas sagen? Musste er jetzt etwas sagen? Wie streng waren die Regeln? War sie dort jetzt raus? Hilflos blickte er in die Gesichter der Kollegen, inständig hoffend, einen Hinweis in ihren Blicken zu erhaschen. Doch egal, wie er interpretierte, alles schien unpassend. Das Spiel war vorbei, er wusste nicht so richtig, aus welcher sozialen Regel heraus dies geschah, denn die Spielregeln wurden mehrfach gebrochen. Er hatte nichts gesagt, zwang sich zu einem entschuldigenden Lächeln, alle anderen schienen Spaß zu haben, er hatte wohl die richtigen Entscheidungen getroffen. Hoffte er zumindest und verschwand wieder an den Rand der Gruppe, mit gesenktem Kopf, und doch aufmerksam die Dynamik der Gruppe studierend.

Er war der Organisatorin unendlich dankbar, die auf die Idee kam, eine Achtsamkeitsübung durchzuführen. Fünf Minuten schweigend, in sich gekehrt diesen Weg einfach weiter laufen. Ihm brauchte niemand zweimal zu sagen, dass er die Schnauze halten und allein den Wald genießen durfte. Dankbar rannte er als Erster los, Meter zwischen sich und dem Rest gewinnend. Und dann war da… Ruhe. Diese Ruhe, die er so sehr brauchte. Er fühlte sich jetzt schon, nur wenige Stunden nach Tagesbeginn so unendlich fertig. Er lief stoisch geradeaus, immer geradeaus. Der Wald, die Bäume, die Vögel, die Ruhe. Keine soziale Interaktion. Kein Stress. Dankbar – bis sein Hirn sich wieder einschaltete. Wirkte er gerade komisch? War es unangemessen, so allein voranzugehen? Er sollte achtsam sein, aber galt das auch in Bezug auf die Gruppe? Wie genau war das jetzt wirklich gemeint? Ende mit der Achtsamkeit, Krieg im Kopf.

Am Essenstisch flogen wieder Gesprächsfetzen hin und her, musste man jetzt über die Gerichte reden? Oder musste man jetzt ein Bier bestellen? Der dort hinten tat es. Auf welchem Level gesellschaftlicher Interaktion befand sich ein beruflicher Wandertag eigentlich? Er war sicherlich formeller als ein Abend unter Freunden oder zumindest unter guten Kollegen zum Feierabend. Hier hatte er es jedoch auch mit vielen anderen Kollegen zu tun, die er nicht genug kannte. Und mit der Chefetage. Wie verhielt diese sich? Konnte er sich an ihr orientieren? Er bestellte ein Vitamalz und fand, das war gesellschaftlich der beste Zwischenweg zwischen der Cola der Kollegin vor und dem Bier des Kollegen hinter ihm.

Er war dankbar, als die Organisatorin eine helfende Hand erfragte. Sofort war er zur Stelle. Klare Anweisungen und raus aus dem undurchsichtigen, sozialen Gefüge. Irgendwo abseits das nächste Spiel aufbauen, das konnte er, das wollte er. Bei dem Spiel selbst wurde viel gelacht, über etwas, das ihm nicht lustig erschien. Die anderen lachten, er fühlte sich zu doof dafür, er verstand den Witz nicht, es war ihm zu viel, er stellte sich wieder nach hinten. Auf Toilette könnte er gehen, war er schon lange nicht mehr. Hoffentlich lang genug, um kurz abschalten zu können, hoffentlich nicht lang genug, damit er negativ auffiel. Wie lange war es angemessen, bei solch einer Veranstaltung abwesend zu sein? Würden sie es überhaupt bemerken?

Der Tag neigte sich dem Ende entgegen und er war froh, es bald hinter sich zu haben. Er brauchte jetzt Ruhe. Er brauchte jetzt Schlaf. Er war komplett durch. Er brauchte jetzt dringend dieses Wochenende.

Es war erst Dienstag.


Ich verstehe den Sinn von Betriebsausflügen durchaus – und ich verstehe auch den Aufwand der Organisation, die dahinter steckt und möchte klar hervorheben, dass ich für meine Gefühle oder Reizlagen niemandem eine Verantwortung zuschiebe. Ich verstehe auch, dass man niemals Allen alles recht machen kann. Und doch wird ein Aspekt in solchen Veranstaltungen gern übersehen: Es gibt auch andersartige Menschen, Menschen, denen soziale Interaktionen nicht liegen, ja sogar davon überfordert sind. Menschen, die nicht mitspielen wollen. Menschen, die keinen Smalltalk beherrschen und dann mitunter für Sonderlinge gehalten werden könnten. Für mich als Autisten ist es sehr schwer, mich in dieser Art von sehr selten auftretendem sozialen Gefüge zurecht zu finden. Leuten, die ich nicht ausreichend kenne, kann ich nicht sofort das Vertrauensverhältnis entgegen bringen, dass es für mich benötigt, um mit ihnen über mehr als Triviales zu reden – wobei genau das ebenso unmöglich ist: Smalltalk zählt nicht gerade zu den herausragenden Skills eines Autisten, da Smalltalk einer nonverbalen Dynamik unterliegt, die sie nicht unbedingt einschätzen oder verstehen können.

Dadurch, dass ich in eine solch nicht gerade alltägliche Situation geworfen wurde, mit einem so hohen Faktor an sozialer Interaktion, kann das eigentlich nur mit schlechten Erfahrungen enden. Das liegt nicht an einem schlechten Kollegenkreis oder einer schlechten Organisation. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass ich selbst so eine Situation nicht trainieren oder mich mental ausreichend darauf vorbereiten kann. Wie man das ändern kann, ohne negativ aufzufallen, ist mir ein Rätsel. Oft genug bleibe ich kleineren Feierabend-Runden fern, weil mir in dem Moment einfach die Kraft dazu fehlt. Bei anmeldepflichtigen reagiere ich nicht einmal mehr, weil ich niemals sicher zusagen kann, dass ich an jenem zukünftigen Tag überhaupt die kognitive Möglichkeit dazu haben würde.

Zumindest hilft es mir aber genau im jetzigen Moment, diese erlebten Situationen für mich hier niederzuschreiben, zu reflektieren und damit geordnet zu verarbeiten. Keine Lösung des eigentlichen Problems, aber ein kleiner Schritt, damit nachträglich klarzukommen. Ein kleiner, aber sehr wertvoller Schritt.