Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Reisefieber 2025, Pt. III

[Der Anfang]

Das Ende

Jeder, der mich kennt, weiß, dass die Geschichte hier kein Ende findet. Kein Ende finden durfte! Natürlich wurmte es mich. Was, wenn sie diesen einen Song doch noch auf ihrer Tour spielen würden? Was wenn sie Seelentherapie wirklich noch einübten? Was wenn sie ihr Versprechen doch noch einlösen würden? Und was wenn ich das nicht erleben würde? FOMO. Ihr könnt es mir glauben, ich überlegte wirklich hin und her, vor und zurück. Eigentlich wollte ich wirklich nach Hause. Ich hatte eine tolle Tour durch Europa erlebt, ich war müde und sehnte mich nach der Familie, die sehr tapfer die letzten zwei Wochen zu Hause die Stellung gehalten hatte. Und darüber hinaus hatte ich ja gar keine Konzertkarte oder Unterkunft. Ich konnte wirklich keine Entscheidung treffen. Zu stark war der Sog in beide Richtungen.

Noch in Amsterdam hatte ich mit meiner besseren Hälfte telefoniert. Sie gab mir von ihrer Seite aus grünes Licht. Ich machte es ein wenig abhängig von dem letzten Konzertabend, von meiner Konstitution, meinem Gewissen. Ich schaute schon nach, wo man am Besten ein paar Tage verbringen könnte im Fall der Fälle. Amersfoort, Aachen, Antwerpen. Überall buchte ich im Affekt Hotels und stornierte sie auch jedes Mal sofort wieder. Nein, ich wollte nach Hause, zu meiner Liebsten und dem Kater. Und so saß ich in dem besagten Zug, mein Entschluss stand irgendwann felsenfest.

Bis das Telefon klingelte. „Ich habe ein Ticket für Brüssel über!“, rief Crissi freudig erregt.

Tja, und der Rest der Geschichte dürfte dem geneigten Leser, so er denn überhaupt bis hierhin mitgereist ist, klar sein. Ich kam in Berlin an, wir machten uns ein Paar schöne Tage, ich wusch die Wäsche, ich knuddelte die Katze – und saß am 13. September wieder im Zug, auf dem Weg zum Zwischenstopp in Frankfurt, wie schon eine Woche zuvor.

14. September – Brüssel

Es war eigentlich ganz entspannt. Durch den Zwischenstopp in Frankfurt den belgischen Streik umgangen, ausgeschlafen bis zum späten Checkout, drei Stunden Zugfahrt, eingecheckt und dann schon einmal beim nahegelegenen Club umgesehen. Vor dem Ancienne Belgique, das ich schon von einem Die Ärzte-Konzert vor einigen Jahren her kannte, sammelten sich schon langsam die üblichen Verdächtigen. Auch Ingo war schon da, diesmal allerdings ohne Wohnmobil, und wandte sich gerade zum frühen Abendessen. Ich schloss mich an, ein nettes Grüppchen, mit dem ich durch die Innenstadt streifte und in dem wir uns gegenseitig für den Abend anheizten. Alkoholfrei, möchte ich anmerken! Danach nur noch einmal kurz im Hotel vorbeischauen, das übliche Prozedere: Wertsachen raus, in die Konzertklamotten rein.

Wieder hatten wir es plötzlich mit einer unmenschlich langen Schlange am Einlass zu tun. Was machen die Nordländer so viel besser, frage ich noch einmal? Drinnen angekommen, horchte ich in mich rein. Trotz der drei vorangegangenen Nächte, die langen Schlaf ermöglichten, fühlte ich mich noch immer erschöpft. Morgen war die lange, elfstündige Heimreise und am Tag danach wartete schon wieder der Arbeitsalltag. Ich entschied mich für einen Stehplatz im Rang. Dem zweiten, wohlgemerkt, denn der erste war schon komplett belegt. Doch immerhin landete ich neben guten Kumpels und das würde die Party massiv aufwerten. Klar, die Sicht war nicht optimal hier an der Seite: Der Boxenturm versperrte die Sicht auf Breiti und Vom, aber insgesamt war es mal eine interessante Perspektive. Man konnte alles sehen auf dem Rand der Bühne. Die Markierungen, die bereitgestellten Getränke für die Band – und die Setliste, die auf dem Boden klebte.

Die Setliste. Sollte ich mir einen Blick gönnen? Sollte ich schauen, ob Seelentherapie darauf stand? Der einzige Grund, warum ich hier war? Nein, ich wollte mich überraschen lassen. Ich fotografierte sie, ohne sie jedoch zu lesen. Das Konzert war spitze, selbst vom Rang aus. Immer wieder zuckten meine Glieder, immer wieder wollten mich meine Beine die Treppen hinunter treiben in die wogende, tobende, schwitzende Menge. Doch diesmal behielt der Geist die Oberhand und versagte den Beinen ihren Dienst. Der Rang war schon in Ordnung.

Plötzlich kamen die Roadies auf die Bühne gerannt. Sie klebten eng bedruckte Zettel auf den Boden, eindeutig ein Songtext. Und Campino sprach zum Publikum:

Es gibt viele… Wer war an den ersten beiden Abenden da? Da gab es so einen unerklärlichen Mob, der ein Lied angestimmt hat. Wir haben uns zehn Tage lang gefragt, was soll das eigentlich? Aber euer Wunsch ist für uns Befehl, wir sind ja ein Dienstleister. Ihr verzeiht uns aber, wir haben’s nicht geübt. Ich hab den Text lange nicht gesungen, also wehe, ihr beschwert euch danach. So alle, auch die, die genervt davon waren, dass die laut ‚Seelentherapie‘ geschrien haben, die müssen sich heute…

Ich eskalierte sofort. Ich kreischte und quiekte und sprang wie ein kleines Kind, auf und ab, fiel meinem Kumpel um den Hals. Immer und immer wieder. Und es geschah!

Kommst du manchmal mit der Welt nicht klar, weil du sie nicht verstehst?
Und denkst, dass du nichts tuen kann, obwohl du alles ändern willst?

[…]

Ich habe alle mir verfügbaren Videoschnipsel zum Lied zusammen gesucht und ein Multi-Perspektiven-Video daraus geschnitten.

Ein Traum wurde wahr. Der ganze Weg, die ganze Tour, all das führte nur auf diesen einen Moment hin. Diesen Moment, der mit Sicherheit zu einem der grandiosesten Momente meines Die-Toten-Hosen-Fan-Daseins gehörte, vielleicht den besten Moment überhaupt, diesen Moment, den ich maximal auskosten wollte. Gänsehaut, unbändige Freude, Tränen in den Augen! Jede Silbe, jede Note versuchte ich in mich aufzusaugen. Ich suchte während des absolut perfekten Drum-Solos schnell irgendwo eine Lücke, von wo aus der Boxenturm nicht die Sicht auf Vom versperrte. Ich musste jeden Augenblick sehen, jeden Augenblick genießen! Es war unbeschreiblich, ich war im Hosen-Himmel angekommen. Ich durfte einmal in meinem Leben Seelentherapie live erleben.

Es war mir egal, dass danach noch einige andere großartige Stücke gespielt wurden, die das Set am Ende vielleicht zu einem der besten Sets überhaupt machte, das die Band jemals gespielt hatte. Von mir aus hätten sie von nun an Wannsee in Endlosschleife spielen können, dieser Abend würde trotzdem auf Ewig in meinem Kopf bleiben. Ich hatte nun fast alles erlebt, was ich mir in Bezug auf diese Band jemals erträumt hatte!

Nach dem Konzert und somit auch nach der Tour waren wir uns alle einig: Die Tour war etwas Besonderes, und sie wurde mit einem Knaller beendet. Wo ich auch hinblickte, ich sah ausschließlich glückliche Gesichter. Glücklich, obwohl die Wehmut sich in einigen Momenten darunter mischen würde. Wehmut, dass es schon wieder vorbei war. Und doch: Nächstes Jahr wird es neue Reisen geben, neue Abenteuer und neue Freunde.

© by „Europatour DTH“-Gruppe

Wir standen da, mit all unseren gesammelten Freuden und Blessuren und noch immer schmerzenden Rippen, in einer größeren Gruppe alter und neuer, auf jeden Fall aber liebgewonnener Bekanntschaften, und wir schafften es nicht, jetzt auseinanderzugehen. Und so streiften wir noch viele Stunden durch die Brüsseler Altstadt. Mit einem Bierchen in der Hand in Erinnerungen schwelgend, Erinnerungen an diesen unfassbaren Abend, Erinnerungen an diese über achttausend Kilometer lange, unfassbar großartige, ereignis- und abenteuerreiche Tour. Sie war ein einziger Ausnahmezustand, sie kreierte eine ganz eigene Welt neben der Realität. Eine buntere, lautere und lebendigere Welt, sie war ein einziger Rausch, der mich für einige Tage sämtliche Probleme des Alltags vergessen ließ und mich trotz aller Reisen und all der körperlichen Anstrengungen überraschender Weise innerlich deutlich mehr entspannen und zur Ruhe kommen ließ, als es mein ganzer Islandurlaub wenige Wochen zuvor vermochte.

Diese Tour war meine ganz persönliche Seelentherapie.