Intermezzo
Fassen wir einmal zusammen, wo wir aktuell stehen: Bislang sind die ersten drei der sechs geplanten Konzerte absolviert. Ich durchquerte halb Skandinavien mit dem Zug und besuchte endlich einmal das schöne Warschau. Die Rippenprellung aus dem ersten Konzert machte es mir noch immer schwer, ruhig zu schlafen, lachen oder zu husten. Doch alle anderen nennenswerten Blessuren waren bereits vergessen, die obligatorischen neuen blauen Flecke nicht erwähnenswert. Wir hatten ein Versprechen erhalten, dass wir wohl endlich einmal Seelentherapie erleben würden. Die nächsten Konzerte würden uns nach Westeuropa führen. Gerade auf London freute ich mich sehr, da die Band selbst englische Wurzeln hat, ja sogar teilweise britische Staatsbürgerschaften hat. Auch hatte ich London bislang im Leben nur ein paar Stunden lang besucht und erwartete die Ausflüge in die Stadt aufgeregt.
Nach Warschau lag es nahe, erst einmal einen kleinen Stopp in Berlin einzulegen, das einerseits ziemlich direkt auf der Zugverbindung nach London lag. Andererseits gab der kleine zeitliche Abstand von immerhin fünf Tagen zwischen den Konzerten genügend Gelegenheit sowohl die durchgeschwitzte Wäsche zu waschen, als auch zwei Tage persönlich auf Arbeit zu erscheinen. Dennoch fühlte es sich komplett surreal an: Die Konzerte und die vielen damit verbundenen Bekanntschaften, die ganze Tour kurz auszublenden, wieder im Arbeitsalltag zu stecken, wohlwissend, dass man in zwei Tagen schon wieder auf Achse sein würde. Allerdings kam ich – nicht wirklich unerwartet – mit einer kleinen Erkältung nach Hause. Die Symptome des leichten Halskratzens sowie der leicht gestiegene Temperatur kannte ich inzwischen bereits zur Genüge. Auch der zweite Streifen auf dem Corona-Test, den man mit viel Wohlwollen nach einer Stunde des Wartens unter ganz bestimmtem Lichtwinkel erahnen konnte, holte mich kurz auf den Boden der Tatsachen zurück. Doch der zweite Test und der am nächsten Tag waren eindeutig negativ, auch die winzigen Symptome erledigten sich mit ausreichend Schlaf von allein.
Doch auch der erste Abend des Zwischenstopps war nicht frei von Die Toten Hosen. In der Woche zuvor, noch vor Beginn der Tour, wurde offiziell bekannt gegeben – obwohl der Flurfunk das bereits vorher durch die Fan-Sphäre raunte -, dass zwischen Amsterdam und Brüssel tatsächlich keine Pause liegen, sondern die Band in Düsseldorf, in der wiedereröffneten Stammkneipe ihrer Anfangszeit, dem Ratinger Hof, einkehren würde. Der erste Vorverkauf wurde wegen technischer Fehler annuliert und der zweite Versuch auf eine Woche später gelegt. Auf den Tag nach dem Warschau-Konzert. Ich buchte deswegen extra meinen Zug um, um zwei Stunden früher zu Hause sein zu können. Andere hatten weniger flexible Möglichkeiten und waren zum Teil zum Zeitpunkt des erneuten Vorverkaufs im Flieger. Somit konnten leider nicht einmal alle treuen, die ganze Tour mitreisenden Fans um die 150 Tickets mitkämpfen, was allgemeinen Unmut erzeugte. Dieses Mal wurde der Verkauf nicht online abgewickelt, um automatisierte Bots zu verhindern, sondern ganz altmodisch per Telefon – wie erst kurz vorher bekannt gegeben wurde. Ich mache das Debakel kurz: Mit bis zu vier Telefonen saßen wir da, insgesamt rund einanderhalb tausend Mal die relevante Nummer gewählt, aber am Ende kam ich nicht durch. So wie jeder andere mir bekannte Mensch. Es würde also nach Amsterdam keinen Abstecher nach Düsseldorf geben, sondern eine entspannte Heimfahrt nach Berlin. Ehrlich gesagt, konnte ich damit ganz gut leben.
Denn die zweite Hälfte der Tour würde ungleich interessanter und vermutlich auch stressiger werden als die erste Hälfte. Hatten wir es in Kopenhagen lediglich mit einem Ansturm von Ed-Sheeran-Fans in der Stadt zu tun, war wenige Tage vor der Tour bekannt gegeben worden, dass wohl die Londoner U-Bahn streiken würde, während Coldplay gerade zehn (!) Konzerte dort gab und – ungleich schlimmer – in Frankreich ein Generalstreik drohte, just zu den Zeitpunkten, an denen wir dort jeweils aufschlugen. Europa gegen Die Toten Hosen lautete nun offensichtlich das Motto.
07. September – London
Ich war eigentlich kaum ruhig zu bekommen während meines kurzen Stopps zuhause. Ich kehrte am Mittwoch, den 03. September wieder in Berlin zurück, hing dann direkt mehrere Stunden in der unerreichbaren Telefonleitung des Vorverkaufs, und am Freitag sollte es schon wieder losgehen. Gerade Zeit genug, um die Wäsche zu machen. Doch schon am Abend meiner zwischenzeitlichen Rückkehr, nach dem gescheiterten Ticketkauf für Düsseldorf, schlug meine bessere Hälfte vor, dass ich doch vielleicht schon am Donnerstag direkt nach der Arbeit wieder aufbrechen solle. Ich war ihr offensichtlich nicht ganz geheuer, vermute ich. So würde ich nicht die komplette Strecke an einem einzigen Tag fahren müssen, hieß es als Ausrede. So ganz Unrecht hatte sie damit nicht. Und so packte ich am Donnerstagnachmittag meine noch klammen Klamotten wieder ein und fuhr nach Frankfurt. Damit hatte ich genügend Zeit, um rechtzeitig und stressfrei am Freitag in Brüssel den Eurostar nach London zu bekommen. Da ich tatsächlich ausreichend Zeit zur Verfügung hatte, nutzte ich die Gelegenheit, den Brüsseler Geocache zu heben, den ich schon eine Weile auf dem Schirm hatte – denn Brüssel würde ich ja dann im Laufe der Tour nicht noch einmal sehen.
Der Zug nach London, der mich das erste Mal meines Lebens durch den Eurotunnel chauffierte, endete in der Station St. Pancras, der sich direkt neben dem Bahnhof King’s Cross befindet. Natürlich musste ich hier das Gleis 9¾ besuchen, das ich allerdings enttäuschender Weise lieblos in irgendeine wahllose Wand, und nicht wie im Film zwischen den Gleisen 9 und 10, aufgebaut fand. Der Grund ist, dass man in England nicht ohne ein gültiges Ticket die Bahnsteige betreten darf, und somit auch nicht den für die Gleise 9 und 10. Im Bahnhof traf ich wieder auf Crissi, die ihrerseits mit dem Flieger in London ankam. Nun folgte der sehnsüchtig erwartete Besuch bei unserer AirBnB-Hostess Jane.

Jane, müsst ihr wissen, ist deutlich über achtzig Jahre alt und wohnt allein in einem Reihenhaus in einer Londoner Vorort-Siedlung. Normalerweise bekommt man bei AirBnB eine konkrete Anweisung, wie man die Wohnungen zu betreten hatte, wo sich beispielsweise der Schlüssel befand oder der Code für ein Zahlenschloss. Es ist mir bisher sehr selten passiert, dass ich die eigentlichen Bewohner jemals persönlich zu Gesicht bekam. Doch Jane war von Beginn an anders. Schon beim eigentlich sehr standardisierten Anschreiben auf der Plattform bekam ich unerwartet und postwendend eine Rückfrage von ihr. Sie wollte sehr genau wissen, wer wir sind, wie wir tickten und überhaupt, ob wir wüssten, dass es zur Innenstadt eine ganze Dreiviertelstunde dauern würde, dass sie eine Katze frei herum laufen hätte und dass sie definitiv die Bettlaken nicht bügeln würde. Sie war mir sofort sympatisch. Ich liebte ihre leicht schrullige, aber auf eine gewisse Art beinahe klischeehafte Art und Weise und wie sie mit mir sprach. Das versprach, sehr spaßig zu werden. Doch damit nicht genug: Sie hatte wohl einen Supper Club, eine Art Club zum gegenseitigen, abendlichen Bekochen. Sie bot mir an, uns – mit bis zu acht Freunden – an einem Abend unseres Aufenthaltes zu bekochen. Wie konnte man da schon ablehnen? Es war fabelhaft! Ich könnte jetzt ewig über Jane, ihr museumsreifes Haus voller obskurer Gegenstände, ihren Kater Kairo und den köstlichen Supper-Abend, den wir zu fünft verbrachten, und so vieles mehr aus ihrem sehr spannenden Leben berichten, aber einerseits würde das hier den Rahmen sprengen, und andererseits sicherlich auch zu tief in Janes Privatsphäre eingreifen. Nur so viel: Allein diese Unterkunft hat die Londonreise absolut gelohnt, es war einfach nur magisch.
Crissi und ich, wir hatten uns für die Erkundung von London einige konkrete Plätze herausgesucht. Uns einfach durch diese riesige Stadt treiben lassen, das würde in der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit einfach nicht funktionieren. Doch würden wir überhaupt in die Stadt kommen? Fuhr die U-Bahn nun oder streikte sie? Von Janes Haus aus brauchten wir das nicht zu testen, denn da konnten wir eine gute Busverbindung nutzen. Doch innerhalb der Stadt bewegten wir uns erst einmal ziemlich mühelos mit der Tube. An dem einen Tag ging es ins Natural Historic Museum – der Dinosaurier wegen, versteht sich -, das mich aber letztlich deutlich mehr mit seinem Gebäude, als mit seinem Inhalt beeindruckte.




Danach folgte ein kleiner Stadtbummel mit Besuch eines Druck aus der Menge und wenige Disney-Stores und zahlreichen Comic-Shops – die übrigens allesamt nicht meine Idee waren, möchte ich betonen! Am nächsten Tag wollten wir ins British Museum. Doch drinnen meinte ich recht schnell: „Ich lass dich hier mal machen, das ist nichts für mich. Wandbilder und Tonscherben machen mich einfach nicht an. Ich fand schon das Pergamon langweilig. Wir treffen uns später.“



Und so verließ ich das Gebäude recht fix wieder, diesmal gen British Library. Nur um dort festzustellen, dass die wesentlichen Räume leider sonntags geschlossen sind oder gerade restauriert werden. Naja. Es war uns wichtig, vor dem Konzert noch einen kleinen Rundgang über den Camden Market zu drehen, weshalb wir uns nach Museum beziehungsweise Bibliothek dort treffen wollten. Ich fuhr also dort hin – und wartete. Sehr lange. Denn der Zug, den Crissi nehmen wollte, fuhr wohl einfach an ihr vorbei. Ebenso der nächste. Sie fuhren ins Depot – es war Streikbeginn! Na toll. Schlagartig füllten sich die Straßen, sodass auch mit dem alternativen Bus für sie kein Durchkommen mehr war. In der Stunde, in der ich dann vor Ort auf Crissi wartete, hätte ich mich dank diverser schräger und noch schrägerer Gestalten erst einmal problemlos mit einem kompletten Vorrat an Cannabis für den gesamten Club heute Abend eindecken können. Das war ja wie am Kottbuser Tor. Ich fühlte mich auf eine schräge Art heimisch.



Wie wir überrascht feststellten, war der Club in Laufweite zum Market. Doch wir waren noch nicht wirklich konzertreif, und mussten wohl oder übel noch einmal nach Hause fahren – je satte dreißig Minuten mit dem Uber hin und wieder zurück, weil nichts anderes mehr zuverlässig fuhr. Nach dem Ablegen von unnötigen Wertsachen und Anlegen passenderer Kleidung, erreichten wir dann endlich das O2-Forum. Die ersten bekannten Gesichter tauchten wieder auf – wenngleich wir schon in Camden auf das eine oder andere gestoßen waren. Sie standen entweder am benachbarten Pub und bescherten diesem seinen Jahresumsatz – oder an der drei Blocks langen Schlange an.
Echt jetzt, eine Schlange? So viele Menschen können da doch gar nicht hinein passen! Bisher kamen wir auf der Tour immer völlig problemlos in die Veranstaltungsräume, aber kaum ist man im Westen unterwegs gibt es Einlassschlangen? Irgendwas machten die im Norden und Osten eindeutig besser. Der Club entpuppte sich von innen als eine Art altes Theater. Unglaublich toll verziert, kaum zu glauben, dass sie hier drin Rockshows veranstalteten. TV Smith, ein guter Freund der Hosen, war dieses Mal der Support Act, der einzige der Tour, den ich wirklich sehen wollte, den wir aber leider dank des ineffizienten Einlassprozederes großteils verpasst hatten. Doch Die Toten Hosen hatten danach unglaublichen Spaß. Sie holten einige Gastmusiker auf die Bühne, meistens über achtzig Jahre alte, musikalische Helden einer längst vergangenen Punk-Ära. Aber auch diese hatten offensichtlich ihren Spaß und das färbte ab. Im Publikum gab es kein Halten, ich ließ mich treiben, von links nach rechts, von hinten nach vorne und alles wieder zurück, nicht unbedingt in der Reihenfolge. Klar bekam man hier und dort auch mal einen Stiefel eines Crowdsurfers ab – mein blaues Auge ist Zeuge -, aber im Großen und Ganzen war es eine stressfreie, wenngleich intensive und durchgeschwitzte Party.



Trotz der vielen bereits gespielten Raritäten in Form von Coversongs zusammen mit den Altpunks wollten wir mehr, wir waren nicht satt zu bekommen. Und dann rauschte wieder von irgendwo her der bereits aus Stockholm bekannte Gesang: „Seelentherapie! Seelentherapie!“ und übertönte die sonst üblichen Forderungen nach „Korn, Bier, Schnaps und Wein“ oder eisgekühltem Bommerlunder. Und wieder hat die Band es wahrgenommen. „Na, wir haben ja noch vier Tage zum Proben!“, versprach Campino uns ein weiteres Mal. Eine Woche zuvor tat ich das als pures Gerede ab, aber gleich zwei Ansagen in diese Richtung? Konnte es wirklich wahr werden?


Alles in allem waren wir glücklich. Die Setlist verbesserte sich von Konzert zu Konzert immer mehr, die Jungs hatten noch immer Bock und das Publikum eskalierte jedes Mal auf das Neue. Der London-Aufenthalt war ein voller Erfolg, trotz des uns kaum beeinflussenden U-Bahn-Streiks. Gern hätte ich mich noch länger in der Stadt aufgehalten, hätte ich mich noch länger mit einigen der lieb gewonnen Chaoten durch die Straßen, Gassen und Pubs treiben lassen – doch alles hatte einmal ein Ende.
Wie genau das Ende hier aussah, darüber schieden sich die Geister. Denn noch immer schwebte das Damoklesschwert des Generalstreiks in Frankreich über uns. Dass er am 10. September stattfinden würde, das schien inzwischen gesichert. Unklar war jedoch, was genau das für uns hieß. Die Band selbst war wohl lange auch unsicher. Würden sie überhaupt in Paris spielen können? Noch bejahten dies vereinzelten Quellen. Bei einem französischen Generalstreik konnte unter Umständen wirklich alles still gelegt werden, was stillzulegen geht. Es war die Rede von Zügen, die nicht mehr fahren, und von Autobahnen, die von Landmaschinen und Taxis blockiert würden, ja, von brennenden Barrieren und Autos, von Randale und Eskalation. Das Konzert sollte am 09. stattfinden, der Streik war für Mitternacht danach angesetzt. Regulär also etwa eine Stunde nach Konzertende. Andere Quellen behaupteten inzwischen sogar, dass der Streik schon 20 Uhr, also noch vor Beginn des Konzerts starten sollte. Wir alle machten uns unsere Gedanken. Es gab nicht wenige, die ihre Paris-Tickets für das Konzert bereits versuchten, zu verkaufen, die ihre Hotels stornierten und sich entschieden, all dies zu umgehen und lieber direkt nach Amsterdam zu fahren. Das Problem war, dass das Amsterdam-Konzert direkt am Tag des Streiks, einen Tag nach dem Paris-Konzert stattfinden sollte, ohne den bisher üblichen Tag Pause. Wenn sich also im schlimmsten Fall alle Gerüchte bewahrheiten sollten, dann würde man niemals rechtzeitig aus Frankreich heraus kommen, und somit möglicherweise Amsterdam verpassen. Ich selbst wurde irgendwann ebenfalls nervös. Ich hatte mich auf Amsterdam besonders gefreut. Die Jungs sollten dort in einer alten Kirche spielen, wo sie bereits zwei Jahre zuvor schon einmal auftraten – und was ich damals verpasste. Doch die Berichte zur Location waren großartig. Das wollte ich auf jeden Fall auch erleben. Ich entschied mich nach langem Hin und Her letztlich auch dazu, Paris für mich abzublasen und buchte bereits einen Direktzug von London nach Amsterdam und ein Hotel zur Überbrückung der Zeit. Man konnte in den Niederlanden zwischenzeitlich ja noch sehr schöne Geocaches entdecken, plante ich.
Doch dann entfaltete die Hosen-Fangruppe wieder einmal ihre berühmte Magie: Es wurden Busse gechartert und mit Fahrern besetzt, die auf jeden Fall fahren wollten, es wurden irgendwoher Autos organisiert und Mitfahrer koordiniert. Und das in nur wenigen Stunden vor der Abreise aus London. So wurde auch ich letztlich wieder umgestimmt, doch nach Paris mitzukommen und überzeugt, in einem Neun-Personen-Transporter mitzufahren. Direkt nach dem Konzert, sechs Stunden non-stop nach Amsterdam. Hauptsache schnellstmöglich raus aus dem Land, wenn möglich nur über kleine Landstraßen. Das klang irgendwie hart, aber machbar. Paris also.
09. September – Paris
Durch den Eurotunnel ging es zurück auf das europäische Festland. Der Abschied von Janes Haus fiel mir tatsächlich etwas schwer, zu spannend waren die wenigen Tage dort, zu interessant die Hausdame. Doch Paris rief und wir würden nicht viel Zeit haben, uns dort ausgiebig umzuschauen. Ein möglichst früher Transport war deshalb unumgänglich. Die Gedanken im Zug sprangen bei dem dort servierten, gar nicht mal so leckeren Essen hin und her zwischen den berauschenden Erlebnissen der vergangenen Tage und den Abenteuern, die uns in Frankreich wohl in den nächsten Stunden erwarten würden. Aus Gründen eines Anflugs von, angesichts der Europa-umspannenden Reise völlig irrsinnig anmutenden, Sparsamkeit legten wir nach Ankunft den Weg vom Gare-du-Nord zu unserem Plattenbau-Appartment zu Fuß zurück, nicht ohne die Koffer noch auf den Berg der Sacré-Cœur zu hieven, der uns im Wege stand und uns daraufhin mit einer Crème Brulée aus Amélies Café um die Ecke neue Kraft zu verschaffen.
Es galt nun, die schönsten Ecken der Stadt im Schnelldurchlauf zu erkunden. Aus einem früheren Besuch wusste ich von der Besonderheit des funkelnden Eiffelturms ab neun Uhr abends. Dort versammelten wir uns mit anderen Nachtschwärmern unserer Reisegruppe und zogen dann an der Seine entlang zum toll beleuchteten Louvre. Dessen Innenhof kann man, wie ich enttäuscht feststellte, scheinbar nicht mehr frei betreten. Vielleicht war die Absperrung auch nur temporär gesetzt, prophylaktisch für vielleicht zu erwartende Ausschreitungen in der Folgenacht. So mussten eben Fotos von außen genügen, die wir so lange knipsten, bis sie dort tatsächlich plötzlich die Lichter ausschalteten. Böse, von uns unbemerkte, uns jedoch beobachtende Zungen, behaupteten tags darauf im Fan-Chat und im Club, wir hätten wieder irgendetwas Unanständiges angestellt, weswegen dann zur Strafe alles verdunkelt wurde.








Doch uns war noch immer nicht nach Abschied und Nach-Hause-Gehen. Wir streunten weiter, zurück nach Montmartre in die Amüsiermeile, auf der Suche nach einem Pub für zwei oder drei Absacker. Als einer von uns dann spontan beschloss, dass seine Blase keinen weiteren Aufschub duldete, steuerte er das nächste, mit „Pub“ beschriftete Lokal an und verkündete nun lautstark seine Absicht, urinieren gehen zu wollen, und dafür dort ein kleines Bier zu trinken. Der Rest von uns war eher unsicher, aber ein kleines Bierchen könne nicht schaden und allein wollten wir ihn nicht trinken lassen. Das gehörte sich einfach nicht. In dem Moment jedoch, in dem wir die Bestellung aufgegeben hatte, quäkte lautstark durch von uns bisher nicht registrierte Lautsprecher der letzten Hit irgendeiner „Das Beste der Achtziger“-Compilation, so schief und enthusiastisch, dass es nur eines bedeuten konnte: Verdammt, wir sind in einer Karaoke-Bar gelandet!
Anstatt allerdings, anders als abgesprochen, nach dem wirklich winzigen Bier schnell das Weite zu suchen, beobachteten wir, einem Unfall gleich, die schrägen Gestalten, die sich qualvoll an Whitney Houston und Queen versuchten. Man konnte einfach nicht aufhören, zu starren. Keine Frage, es gab vereinzelt auch wirklich gute Stimmen, doch dies traf definitiv nicht auf die Mehrheit zu. Aber alle Anwesenden schienen ihren Spaß zu haben. Zumindest so lange, bis vier leicht angetrunkene, deutsche Punkrock-Fans in der Musikliste tatsächlich einen Die-Toten-Hosen-Song aufspürten. Ich kann wirklich gar nicht verstehen, warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt alle, bis auf die eine Asiatin, die freudig bei jedem noch so krummen Beitrag mitklatschte, gleichzeitig meinten, sich eine Raucherpause vor der Tür gönnen zu müssen. Wir jedoch hatten unerwarteten Spaß und trennten uns danach gegen drei Uhr nachts, nur wenige Schritte vom Club Elysée Montmatre entfernt, der in wenigen Stunden ungleich lauter und nicht unbedingt weniger schief das gleiche Lied nochmal erschallen lassen würde.
Da es nun galt, für die nächste, ganz sicher nicht erholsame Nacht vorzuschlafen, hatten wir tags darauf gar nicht mehr so viel Zeit in der Innenstadt. Es sollte daher nur in ein Museum gehen, schon wieder, der Kultur wegen. Doch schnell zeigte sich, dass das Vorhaben, das Musée d’Orsay in all seiner Pracht zu erkunden, mit unserem Zeitlimit bis zur Abendveranstaltung absolut nicht vereinbar war. Dann gab es diesmal eben nur die ein wenig reduzierte Ein-Stockwerk-Kultur heute. Es ging – nach zwei oder drei oder vier leckeren, französischen Eclairs auf die Hand – schnell zurück zur Unterkunft, denn es galt, vor dem Konzert noch einen Bus mit Koffern zu beladen. Am Bus wiederum galt es, nur der Platzoptimierung wegen, noch einen Bierkasten zu vernichten und dann ab in den Club.




Wir hatten die Vermutung, dass wir hier wohl vermutlich allein sein würden, so viele Tickets, wie in den letzten Stunden auf zahlreichen Kanälen noch abzugeben waren. So viele Leute, die den Streik fürchteten. Aber der Club füllte sich trotzdem. Er war zugegeben nicht so voll wie die bisherigen Konzerte, aber es war weit weg von einem Privatkonzert. Doch genau dieses Mittelmaß war für mich sicherlich der Schlüssel zu einem berauschenden Abend. Die ganzen, selbst zu verantwortenden Blessuren der letzten Wochen zeigten langsam ihre Wirkung. Der Körper zwang mich dazu, mich nicht mehr im engsten Kreis des Publikums zu bewegen, zumindest nicht die ganze Zeit hindurch. Durch den ausreichenden Platz war es jedoch möglich, genau die Balance zu halten, von dem, was der Körper verlangte und was der Geist eigentlich wollte. Ein ständiges Hin und Her. Rein in die Masse zum Austoben, Mitgröhlen, Schwitzen, raus aus der Masse zum Erholen, naja, und weiter Mitgröhlen. Die Band selbst steigerte ihr Set aus London noch einmal. Es war nun endgültig großartig! Ich war das erste Mal auf dieser Tour heiser. Doch wir schrien einfach weiter – und wir schrien die Band nach offiziellem Abschluss des Konzertes tatsächlich noch einmal auf die Bühne! Und das nicht nur ein-, sondern sogar ganze zweimal. So kamen wir in den Genuss von Mehr davon, einem sagenhaft energiegeladenen Song zum Abschluss des Konzerts, zum Abschluss von Frankreich.




Denn fast unmittelbar darauf – wir hatten lediglich Zeit für einen Fast-Food-Snack im Nebeneingang zur kurzfristigen Stärkung – lud uns unser Ungar in seinen Ford Transit und sah zu, dass wir so schnell wie irgendwie möglich aus der Stadt und dem Land verschwanden. Gen Norden, hinein in die Dunkelheit. Die meisten Passagiere sind sofort vor Konzerterschöpfung eingeschlafen.
10. September – Amsterdam
Die Nacht zog dahin, ebenso wie die Straßen und die zahllosen kleinen Dörfer. Immer wieder der Blick auf die Karte. Wann werden wir Frankreich verlassen haben? Es dauerte noch. Auf der Karte sieht Paris gar nicht so weit weg aus von der belgischen Grenze, aber wenn man die unscheinbarsten Straßen wählte, fühlt sich die Reise an wie zäher Kaugummi. Die vordere Sitzreihe war verdammt worden, Viktor, unseren ungarischen Fahrer, dauerhaft wachzuhalten. Dort saß auch Schorschi, unser wandelndes Tourdaten-Lexikon, der es sich daher nicht nehmen ließ, enthusiastisch von längst vergangenen Konzerten und Setlisten zu philosophieren. Das ist immer wieder beeindruckend und interessant. Und wenn es half, dass Viktor weiter konzentriert fahren konnte, war mir das umso lieber.
Ich selbst kann in Autos sowieso nicht schlafen, bekam aber von der relativ leisen Unterhaltung in der Reihe vor mir nur sehr wenig mit und so beschäftigte ich mich mit der Beobachtung von sich mit schwarzer Leere abwechselnder schwarzer Leere. Manchmal ein banger Blick auf die Karte, manchmal ein schneller Blick in die Runde. Ein Mitfahrer hatte es sich mittlerweile im Fußraum bequem gemacht und schien selig zu schlafen. Wie sehr ich ihn beneidete.


Der Horizont hellte sich allmählich auf. Plötzlich und unerwartet schrie die hintere Sitzbank in diesem Moment auf. Ihren Schlaf unterbrechend formulierte die Kollegin das Bedürfnis ihrer Blase. Das war in Ordnung, wir waren inzwischen sicher, heil und ohne weitere Vorkommnisse aus Frankreich herausgekommen und inzwischen auf belgischen Autobahnen unterwegs. Wir entschieden uns zu einem kleinen Zwischenstopp an der nächsten Tankstelle, die allerdings noch mehrere dutzend Kilometer entfernt war. An dieser angekommen erhielten wir die Nachricht, die eigentlich nur ein schlechter Scherz sein konnte: Der belgische Nahverkehr würde streiken. Am Vortag des dort geplanten Hosen-Konzerts, also dem üblichen Anreisetermin für viele Mitreisende. Ich konnte nur noch lachen. Zwar würde es mich nicht weiter betreffen, aber wie viel Pech kann man eigentlich haben? Erst die Londoner Tube, dann der fränzösische Generalstreik und jetzt die Belgier. Und immer genau dann, wenn wir in der Stadt waren. Es blieb also dabei: Europa gegen Die Toten Hosen.
Ich klickte die Nachricht weg, schüttelte den Kopf und vertiefte mich wieder in den immer klarer werdenden Silberstreif am Horizont.

Als wir deutlich nach sechs Uhr morgens endlich Amsterdam erreichten, steuerte unser Fahrer das Hotel an, dass ich für Crissi und mich für die restliche Nacht spontan gebucht hatte. Ich wollte mich nur noch hinlegen und schlafen. Wenigstens ein paar Stunden, bis sie uns dort wieder hinauswerfen sollten, da es sich nicht um unser eigentlich für die kommende Nacht lange vorgesehenes Hotel handelte. Immerhin, sie hatten Mitleid mit uns und boten uns den Late-Checkout-Service an, und erließen uns sogar den Aufpreis dafür. Gerüchten zufolge hatten es Viktor und Schorschi weniger glücklich getroffen. Sie bekamen wohl, nachdem sie dankenswerter Weise alle anderen Mitfahrer und Mitfahrerinnen an ihren jeweiligen Hotels ausgekippt hatten, letztlich kaum eine Stunde Schlaf, da Schorschi noch immer im Modell „Home Office“ unterwegs war und sich regulär in frühen Meetings einfinden musste.
Amsterdam selbst war mir recht egal an diesem Tag. Mein letzter Besuch war noch nicht allzu lange her, ich hatte daher nicht das große Bedürfnis, mich dort umzuschauen. Mein Bedürfnis war eher horizontal gelagert und so checkten wir in der einen Location aus, fuhren zur nächsten und überbrückten dort die Wartezeit bis zum offiziellen Checkin mit einer Packung Macarons, die wir aus Paris herausgeschmuggelt hatten. Dann schlief ich wieder ein.


Crissi war nicht mehr da, als ich aufwachte. So schlug ich mich allein bis zur sagenumwobenen Kirche durch, in der die Prediger ihre Abendmesse singen sollten. Sie war beeindruckend, vor allem von innen. Und ich liebe die Idee, dieser Art der Nachnutzung des passend benannten Clubs Paradiso. Allerdings war es sehr schade, dass die toll beleuchteten Kirchenfenster im Innenraum während der Show von dem Banner der Band überhängt wurden. Das hätte man sich hier sparen können, meiner Meinung nach. Ich schaute mich um, ein wenig beneidete ich die beiden Fans dort oben in der Kanzel schon über ihre exklusive Sicht. Doch, wie immer, war es unten im Innenraum vermutlich trotzdem berauschender. Es würde mein letztes Konzert sein dieser Tour – und damit auch die letzte Chance auf Seelentherapie für mich. Wie bitter wäre es, wenn sie sich, falls sie überhaupt Wort halten sollten, dieses Lied für das allerletzte Konzert in Brüssel aufheben sollten, das ohne mich stattfinden würde?
Die Toten Hosen kamen auf die Bühne und sie strahlten noch immer die Energie aus, die sie schon die ganze Tour an den Tag legten. Es war unglaublich, wie frisch diese alten Männer während der Konzerte noch wirkten. Und noch immer packten sie einige neue Lieder aus, Lieder, die weit in ihre Vergangenheit reichten, Lieder, die sie schon so lange nicht mehr spielten. Und dann kam die Ansage: Es würde sich immer wieder Lieder gewünscht werden und dann würden sie sie auch spielen. Das war doch nicht wirklich jetzt… Ich meine, passierte es jetzt wirklich?



Sie spielten den wohl langweiligsten Song der letzten Jahre und boten für mich mit Wannsee plötzlich den absoluten Tiefstpunkt der ganzen Tour auf. Wer bitte kann sich diesen Mist gewünscht haben? Und was war mit ihren Versprechen? Doch nur leeres Geschwätz von gestern?
Bevor das falsch verstanden wird: Tatsächlich sind diese Sätze Meckern auf sehr hohem Niveau! Die Toten Hosen schenkten uns sechs wirklich großartige Konzerte, und noch dazu mit meist klar steigender Tendenz. Natürlich, meckern kann man immer, aber wir hatten immer unseren Spaß. Es war immer intensiv, es war immer voller Glücksmomente. Das Feiern mit den vielen Bekannten und Freunden, der Schweiß, der von den Decken tropfte, das Miteinander im Mosh-Pit, die vielen Umarmungen und die unzähligen, strahlenden Augenpaare. All das macht den Zauber der Konzerte aus, all das schenkte uns die Band noch immer, nach über vierzig Jahren, unerheblich davon, dass man selbst vielleicht nicht jedes einzelne Lied feiern mag. Trotz fehlender Seelentherapie, trotz der zahllosen blauen Flecke war ich einfach nur dankbar, ich hatte mit der Tour, das kann ich hier am Ende aufrichtig sagen, alles richtig gemacht.

Der Nachteil daran, dass man flexibel in Züge ein- oder aussteigen kann, ist der, dass man dazu neigt, erst am Bahnhof zu entscheiden, wo genau man mitfahren wird. Und dann kann es schon einmal passieren, dass man den richtigen Zug gerade eben verpasst und es erst zwei Stunden später einen ähnlich attraktiven gibt. Nun, genau das schenkte mir am nächsten Tag dann doch noch ein bisschen Zeit in der Amsterdamer Altstadt. Ein Geocache hier, ein Wäffelchen dort, was man halt so tut. Doch leider war der Zugverkehr heute nicht wirklich auf meiner Seite, denn der Folgezug wurde dann spontan komplett ausgesetzt. Natürlich wurde dies genau dann bekannt gegeben, als die mögliche Alternative gerade ausgefahren war. Das waren quasi deutsche Verhältnisse hier in den Niederlanden!
Doch nicht nur ich war vom Pech verfolgt, wie Die Toten Hosen, selbst gerade auf dem Weg nach Düsseldorf zu ihrem Konzert, in das keiner hinein kam, auf ihrem Instagram-Account mitteilten. Sie wurden gerade irgendwo im Nirgendwo aus ihrem Zug geworfen, wegen Rauchentwicklung im Bordrestaurant. Das wiederum führte zu der lustigen Begebenheit, dass ich sie plötzlich wieder in meinem Zugabteil wiederfand, da mein viel zu später Zug derjenige war, der die Gestrandeten aufsammelte. Und, ebenso wie ich, hatten die Rockstars auch keinen Sitzplatz. Das machte sie irgendwie menschlich. Ich winkte Campino zum Abschied zu, er nickte freundlich zurück und ich verschwand in Duisburg. Einen besseren Abschluss hätte man sich nicht ausdenken können.

Ich war nun also entgültig in meinem Zug nach Berlin. Ich setzte mich hin und starrte aus dem Fenster. Die Landschaften zogen an mir vorüber und ich fühlte mich einfach nur glücklich. Zutiefst zufrieden ließ ich mich gen Heimat treiben und studierte die prä-apokalyptisch anmutenden Berichte aus Paris in der Tagesschau. Ich lächelte, denn wir hatten alles überlebt! Wir hatten unseren Zusammenhalt und unseren Antrieb. Wir hatten Die Toten Hosen.
Danke für diese herausragende Tour! Danke an Crissi, die mich die ganze Zeit ertragen musste, danke an meine bessere Hälfte, die mich bei jeder Entscheidung unterstützt hat, danke an die Band und danke an all die liebenswürdigen, mitreisenden Verrückten, die diese Reisen stets so besonders werden lassen!
[Das Ende]
