Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Reisefieber 2025, Pt. I

Vielleicht kann sich noch jemand an diesen Spaß von vor einigen Monaten erinnern:

„Der Wahnsinn des Ticketvorverkaufs“

Sechs Konzerte in sechs europäischen Hauptstädten in gut zwei Wochen, nimmt man das Finale in Brüssel heraus, für das absichtlich kein Ticket organisiert wurde. Die Reise ist nun vorbei. Die Reise ist großartig verlaufen. Und ich möchte euch gern von dieser Reise erzählen. Dabei sollen gar nicht die Städte selbst unbedingt im Fokus stehen, auch wenn ich versprechen kann, dass jede einzelne Stadt einen Besuch wert ist. Jede einzelne Stadt hat ihre ganz eigenen Besonderheiten, ihre ganz eigene Geschichte, ihren ganz eigenen Stil. Es ist wirklich spannend, dieses sehr heterogene Europa in so kurzer Zeit hintereinander zu erleben. Jedoch möchte ich lieber versuchen, den Wahnsinn eines Fans aufzuzeigen, der plante, quer durch dieses Europa zu reisen, immer einer Band hinterher, die er schon 38 Mal im Leben erlebt hatte. Warum tut man sich so etwas an? Wie fühlt es sich an? Was erlebt man dabei? Der folgende Reisebericht mag lang werden – sicherlich zu lang für viele Leser. Er mag vielleicht wirr erscheinen ob seiner Anekdotenhaftigkeit. Doch ich versuche, ihn zu meinem ganz eigenen Bericht zu machen. Meine eigene Reise, meine eigenen Eindrücke, meine eigenen Gefühle.

Diese abenteuerliche Reise wirkte für mich bis noch kurz vorher sehr surreal, irgendwie nicht greifbar. Noch zwanzig Tage vorher, keine drei Wochen, waren wir in Island unterwegs, irgendwo zwischen gewaltigen Wasserfällen und mystischen Lavafeldern. Und dazwischen lagen zwei lange Wochen regulärer Arbeit. Doch am 28. August ging die Reise endlich los. Im Gepäck fanden sich primär der Arbeitslaptop und sonst nicht viel mehr als notwendigen Utensilien, die man für eine Reise durch halb Europa und drei Konzerte benötigte. Der nächste Zug von Berlin nach Kopenhagen war meiner.

Ich hatte prinzipiell nicht mehr ausreichend Urlaub für eine solche Geschichte, dafür aber relativ viele Überstunden. Knapp zweieinhalb Wochen sollte meine Reise geplant dauern. Die ersten eineinhalb Wochen hatte ich auf Arbeit abgesprochen als „limited availability“. Sollte heißen: Ich war, wann immer möglich, virtuell anwesend, es würde sicherlich aber keine Vollbeschäftigung erreicht werden können. Bei wichtigen Meetings sollte man besser ohne mich planen. Die Anwesenheiten beschränkten sich weitestgehend auf lange Zugfahrten oder Wartezeiten, Wochenenden inklusive. Wie sich später herausstellte, war ich nicht der einzige der großen Gruppe mitreisender Fans, der vom Modell „Home Office“ in dieser Zeit profitierte. Die zweite Woche hatte ich dann allerdings richtigen Urlaub genommen, wohlwissend, dass ich gegen Ende vermutlich nicht mehr vollständig zurechnungsfähig sein würde.

Ich hatte das Glück, dass ich alle Städte bereits mal mehr, mal weniger ausführlich bereist hatte. Mit Ausnahme von Warschau, dessen tolle Innenstadt ich tatsächlich noch nie vorher erlebte, hatte ich somit für mich wenig Druck, unbedingt große Sightseeing-Touren machen zu müssen. Einzelne Punkte hier und dort und dabei möglichst wenig Stress, das war die Devise.

29. August – Kopenhagen

Die Zugfahrt nach Hamburg verlief weitestgehend ereignisarm, ich saß in diversen virtuellen Meetings und erledigte noch Sachen auf Arbeit, die liegen geblieben waren. Nach dem Umstieg in ein Abteil des Eurocity wurde es das erste Mal interessant. Dort hatte es sich bereits ein Mann bequem gemacht, ich tat es ihm gleich. Dann schob sich ein dritter durch die Tür und versuchte, seinen Koffer auf die Ablage zu wuchten, verlor aber das Gleichgewicht und drohte, auf meinen Laptop zu stürzen. Ich konnte das gerade verhindern.

„Fast – eine – Unfall!“, bemerkte er in gebrochenem Deutsch, drehte sich dann Entschuldigung-grinsend um und sah das Logo auf einem Sweatshirt.

„Kopenhagen? Die Toten Hosen?“ Ich nickte. „Ich auch. Ich komme aus Argentinien.“

Ich gehe nicht auf sechs Konzerte innerhalb von zwei Wochen, nur der Konzerte wegen. Auch nicht zu den Hosen. Was so eine Reise eigentlich interessant macht, sind die Leute, die Begegnungen, die Geschichten drum herum, die fremden Fans und die jeweiligen Kulturen im Spielort. Und als erstes traf ich also nicht auf irgendeinen Bekannten, sondern auf einen jener fanatischen Argentinier, wegen denen sich Die Toten Hosen immer und immer wieder auf die interkontinentale Reise in deren Heimat aufmachten. Ich traf ihn in einem Zug irgendwo zwischen Deutschland und Dänemark.

Wir tauschten uns lange aus, über die Band natürlich, unsere Lieblingssongs und wie alles bei einem selbst begann. Es war einfach nur großartig und heizte meine Vorfreude auf das Kommende endlich richtig an. Irgendwann mischte sich der dritte Mann ein – in noch gebrochenerem Deutsch, sodass wir augenblicklich ins Englische wechselten. Er hatte erst nicht viel verstanden, aber nach und nach gefiel ihm unsere Geschichte, unsere Leidenschaft, wie wir über die Band redeten – eine Sache, die er zwar selbst nicht nachempfinden konnte, ihn aber so sehr faszinierte, dass er uns bat, immer weiter zu erzählen. Er selbst, so stellte es sich dann raus, war auch nicht uninteressant: Er war serbischer Rentner und reiste seit Wochen mit einem Interrail-Ticket quer durch europäische Städte, nächstes Ziel: Oslo.

Fausto, der Argentinier, hatte einen ganz ähnlichen Plan. Er wollte gar nicht die ganze Hosen-Tour mitmachen, er nutzte sie nur als grobes Grundgerüst, um vor allem Osteuropa zu bereisen. Er wollte die Konzerte in Kopenhagen und Stockholm mitnehmen, dann aber, anstatt nach Warschau mitzuziehen, in die baltischen Staaten abbiegen. Erst in Paris und Amsterdam plante er wieder auf uns zu stoßen – und benötigte noch Tickets dafür. Er hatte Glück, auf mich getroffen zu sein: Es dauerte keine Stunde, da hatte ich in unserer internen Fan-Gruppe zwei Tickets für Paris organisieren können. Amsterdam sollte dann wohl auch noch klappen, ermunterte ich ihn.

Es war der 29. August, als wir endlich auf die ganze Truppe stießen. All die Verrückten, die ich die nächsten Wochen begleiten durfte und die mich die nächsten Wochen ertragen mussten. All die Hosen-Fans aus vieler Herren Länder: Deutsche natürlich, Schweizer sowieso, aber auch zahlreiche Argentinier, einige Ungaren und sogar eine handvoll Finnen. Es war ein großartiges Wiedersehen auf einem Touristenboot in den Kanälen Kopenhagens. Es war uns gar nicht wichtig, was die Kopfhörer uns ins Ohr säuselten, was wir für Gebäude passierten oder wie herrlich die Geschichte dieser glanzvollen Stadt aussah. Wir waren mit uns beschäftigt. Es ging wieder los! Und wir waren mittendrin. Gut zu erkennen und noch besser zu unterscheiden waren jetzt schon die zwei Fraktionen, die eigene Fan-Shirts gebastelt hatten. Es war ein einziger, und dieses Mal ziemlich bunter Spaß.

Crissi und ich hatten versucht, möglichst mit den preisgünstigsten Unterkünften auszukommen, was uns gerade in Kopenhagen größere Probleme bereitete, da das günstige, aber durchaus geräumige AirBnB vermutlich gar nicht mehr in der Stadt selbst, sondern einem Vorort gelegen war. Das Geld, das wir an der Unterkunft gespart hatten, legten wir am Ende an Busfahrscheinen und Uber-Beförderungen locker wieder oben drauf. Was die Dänen übrigens – wie so vieles – besser machen, als wir: Sie haben Uber und Taxi kombiniert. In Deutschland gibt es einen ewigen Krieg zwischen den beiden Arten der Beförderungen, weil die Taxi-Unternehmen an fixe Kostentabellen und etliche Restriktionen gebunden sind, während Uber ihnen in seiner Unkompliziertheit das Geschäft wegnimmt. In Dänemark holst du mit der Uber-App am Ende auch nur ein reguläres Taxi, dass dann im Taxameter einfach einen Festpreis einprogrammiert hat. Gut, dass es auch schwarze Schafe geben wird, zeigte später unser eigener Club-Zubringer. Aber generell finde ich die Idee super. Uber hat so viele Vorteile, insbesondere die des Festpreises. Einem Taxifahrer muss ich, insbesondere in einer fremden Stadt, glauben, dass er die kostengünstigste oder schnellste Route fährt und nicht extra Umwege sucht, um noch ein bisschen zusätzliches Geld herauszuschlagen. Bei einem Uber ist mir das egal, weil der Fahrer am Ende den anfangs genannten Preis bekommt – egal wie lange er mich kutschiert. Nun, Crissi und ich beschlossen also, nach der Kanalbesichtigung und vor dem Konzert noch „kurz“ nach Hause zu wollen, um uns umzuziehen und um etwas zu essen. Als wir fertig waren, stellten wir mit Erschrecken fest, dass es zeitlich plötzlich sehr knapp wurde und der Bus nun keine Option mehr war. Im Gewand eines schwarzen Luxus-Sportwagens tauchte unser Uber auf. Damit fuhren wir dann kurzerhand vor dem Club vor, was uns dann doch einige gehässige Blicke der anwesenden Punk-Gesellschaft einbrachte. Es fehlte nur noch der rote Teppich und das Blitzlichtgewitter.

Ein noch größeres Hallo als vorhin in der Altstadt brach dann jedoch augenblicklich hier los. Noch mehr bekannte Gesichter vor dem Club und noch viel mehr drinnen. Es dauerte die ganze Vorband lang, bis ich endlich alle einmal gesehen und begrüßt hatte. Und dann war das Vega brechend gefüllt, so sehr, dass ich entschied, erst einmal ein paar Aufnahmen vom Rang auszumachen und den Beginn des Konzert – sehr untypisch für mich – dort oben abzuwarten. Und dann kamen die Jungs auf die Bühne. Sie kamen und sie… waren langweilig. Wo war der Funke? Wo war das berauschende Gefühl von der ersten Sekunde an? Wo war der Rausch, der für mich Die-Toten-Hosen-Konzerte von jedem anderen Konzert unterschied? Er kam nicht, er fehlte. Ich war irgendwie verblüfft. Ein gewisser Grad der Enttäuschung machte sich in mir breit. Es dauerte ganze drei, vier Songs, bis ich Lust verspürte, mich in die tosende Menge zu stürzen und auch erst dann kam die Freude nur langsam an mich heran.

© by „Europatour DTH“-Gruppe

War es das Set? War es vielleicht auch meine eigene Stimmung? Ich kann es nicht sagen. Ich war hinterher zwar schweißgebadet, aber das lag mehr an der wirklich miesen Durchlüftung, die den Boden des Clubs zu einer spiegelglatten Fläche aus Schweiß und Bier verwandelte, als an meiner eigenen Freude. Nein, das Konzert war nicht schlecht, aber irgendwie hatte ich mehr erhofft. Doch das restliche Publikum war scheinbar anderer Meinung, wie eine ordentlich geprellte Rippe und ein gestauchtes Kiefergelenk bezeugten. Selbst Timon hat lustiger Weise auch etwas abbekommen:

31. August – Stockholm

Auf diese Zugfahrt freute ich mich im Vorfeld besonders. Erster Klasse über die Öresundbrücke und dann ab durch die schwedische Seenplatte. In Malmö mussten wir umsteigen. Und mit „wir“ meine ich nicht nur eine nicht gerade kleine Gruppe von Fans – sondern auch die Band selbst, die vorbildlich den Großteil der Tour ebenfalls mit dem Zug absolvierte. So kam es zu der doch sehr seltsamen Situation, dass ich auf den Einstieg in meinen Wagen wartete, einen Meter neben ihr. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, etwas zu sagen. Warum fühlt man sich in der Nähe von Promis so anders? Es sind doch auch nur normale Menschen, die einfach nur auf den Zug warteten. Ich schaute Breiti an: „Ich will euch wirklich nicht stalken. Ich muss nur auch in den Erste-Klasse-Wagen hier.“

Dass Campino nur am telefonieren war, ist an sich nicht weiter erwähnenswert, wohl aber, dass er sein Gespräch kurz unterbrach, als er mein Boca-Juniors-Trikot bemerkte, und mir dafür ein paar anerkennende Worte schenkte. Irgendwann hielt ich es dann aber tatsächlich nicht mehr aus, erinnerte mich an diese eine, sehr unschöne Geschichte und ging hinüber zu Andi. Ich erzählte ihm davon. Er schien tatsächlich etwas interessiert, er hinterfragte mein Tun von damals sogar. Abschließend und nach mehreren Entschuldigungen meinerseits schloss er das Gespräch mit einem „Du bist doch bestimmt auch in Warschau, oder? Da machst du es diesmal besser!“.

Die Zugfahrt war wirklich toll. Die sich ständig abwechselnden kleinen Seen und Wälder empfand ich als sehr einladend und entspannend. Oft waren die Seen sehr einsam, nur ein stiller Angler oder ein kleiner Steg hier und dort zeugten von einem Hauch von Zivilisation. Die erste Klasse in Schweden stellte eine gratis Versorgung aus Tee, Kaffee und sogar Obst bereit, was ich zwar nicht nutzte, aber für bemerkenswert hielt – übrigens genauso bemerkenswert wie die durchgängig stabile und sehr schnelle Internetverbindung in der tiefsten Einöde Schwedens, die stabile Teilnahmen an Telefonkonferenzen zuließ.

In welchem Gefährt sich die Band auch immer befand, es machte immer schnell die Runde. Und so standen am Bahnhof in Stockholm schon die ersten Fans bereit, um sie zu empfangen und im Stress des Aussteigends schon um ein Foto zu bitten. Ich weiß nicht, ich habe dazu immer eine eher gespaltene Ansicht. Einerseits sehe ich genau das als Teil ihres Jobs an, für den sie sicherlich sehr gut bezahlt werden: Denn wenn die Fans schon so lange Wege auf sich nehmen, um sie zu erleben, muss man gegebenenfalls auch manchmal eine gute Miene machen können – andererseits haben auch diese Männer hin und wieder Erholung und Freizeit verdient. Ich weiß selbst nicht, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Aber ich selbst empfand es vor, während und nach der Zugfahrt als falsch, sie auf ein Foto, Autogramm oder irgendetwas anderes anzusprechen. Aber vielleicht hätte ich mich auch anders verhalten, wenn ich nicht schon vor einigen Jahren das Glück gehabt hätte, persönliche Fotos mit allen fünf Jungs zu bekommen.

Bei dem obligatorischen Geocache in jeder Stadt – denn auch dieses Hobby musste immer zumindest ein klitzekleines bisschen ausgelebt werden – stellte ich fest, dass der Stockholmer Hauptbahnhof ein irrwitziges Labyrinth darstellte und man ständig an Gleisen und Bahnsteigen herauskommt, die man niemals erwartete. Warum nur liegt das Ding auch nun unbedingt da? Den Abend wollte ich dann aber zur Erholung und Entspannung nutzen. Und so blieb ich in dem doch recht großen Appartment zurück und schickte Crissi allein auf Entdeckungstour. Als sie wieder zurück war, beendeten wir den Tag mit einer Runde „Hosen-Stadt-Land“. Dabei entstand dann diese spannende Liste aus Hosen-Songs. Ich stellte sie kurzerhand in die Fan-Gruppe ein, betitelte sie als fiktive Konzert-Setliste und versprach demjenigen ein Bier, der mir sagen könnte, wie sie aufgebaut beziehungsweise wie sie entstanden war. Nun, bislang musste ich alle meine Biere alle noch selbst trinken.

Ich hatte vor einigen Jahren schon einmal das Vergnügen gehabt, Stockholm zu sehen. Die Stadt selbst ist durchaus sehenswert, aber besonders war mir das dort beheimatete Vasa-Museum in Erinnerung geblieben, das ich Crissi entsprechend so schmackhaft gemacht hatte, dass wir diesem dann (nochmal) einen Besuch abstatteten. Es ist noch immer so beeindruckend wie damals und ich bereue den zweiten Besuch keine Sekunde: Ich hatte damals da drin schon mehrere hundert Bilder gemacht und auch dieses Mal konnte ich mich aller guten Vorsätze zum Trotz nicht zurückhalten. Was für ein Schiff!

Vor dem Konzert kehrten wir noch einmal in uns und standesgemäß im nahegelegenden Pizza-Punks-Laden ein. Die, diesmal von unserer Unterkunft aus sehr günstig gelegene Konzert-Location war wieder brechend voll. Doch das ist eigentlich egal, man stellt sich einfach hinten an. Denn im Grunde weiß jeder erfahrene Konzertgänger, dass es nur wenige Takte der Hauptband benötigte, um diese Menge gehörig umzuschichten, und es gelingt so eigentlich immer, sich grob dort aufzuhalten, wo man es sich wünscht – eine gewisse körperliche Robustheit vorausgesetzt. So war es natürlich auch hier. Ein einziger Ton, und die Menge tobte! Und ich auch!

Da war er, der Funke! Die Toten Hosen hatten einen anderen Start gewählt, und der zündete bei mir augenblicklich. Trotz unverändert schmerzender Rippe stürzte ich mich hinein in das Getümmel. Das Adrenalin übertünchte die Rippenprellung. Meistens. Das Kiefergelenk war deutlich besser, aber auch dieses verbot noch immer allzu enthusiastisches Mitgrölen. Scheiß drauf!

Ein typisches Hosen-Konzert „endet“ erstmals nach etwas mehr als der Hälfte seiner eigentlichen Spielzeit. Danach gibt es mindestens zwei Zugaben. Das Hosen-Publikum skandiert dann in aller Regel Eisgekühlter Bommerlunder. Das liegt eigentlich nicht daran, dass diesen Song irgendjemand wirklich hören will, aber er ist einfach genug gestaltet, um es in der Masse heterogener Menschen spontan synchron singen zu können. In Kopenhagen kamen die Jungs dann noch mit diesem Song zurück auf die Bühne, der offiziellen Setliste und deren Gesichtern nach zu urteilen nicht unbedingt das, worauf sie eigentlich Lust hatten. Doch im Stockholmer Fållan passierte etwas Großartiges: Irgendwo links hinter mir stimmte jemand einen gänzlich neuen Ruf an: „Seelentherapie! Seelentherapie!“.

Hatte ich mich verhört? Seelentherapie live erleben zu können ist so ziemlich mein letzter großer, noch unerfüllter Wunsch in Bezug auf Die Toten Hosen, eines meiner absoluten Lieblingslieder. Seit der Live-Aufnahme aus der Im Auftrag des Herrn-Konzert-DVD aus dem letzten Jahrtausend war es stets mein innigstes Bedürfnis, das Ding auch einmal live erleben zu dürfen. Natürlich stimmte ich augenblicklich in den Gesang mit ein. Und das tat dann noch jemand und noch jemand. Irgendwann erreichte der Gesang die kritische Masse, so dass die Band es Backstage hören musste. Und tatsächlich: Campino kam auf die Bühne, sichtlich verdutzt.

„Hey, wir haben euch gehört! Wir müssen das üben, aber wir spielen das noch auf der Tour!“

War das erst gemeint? Oder war das wieder einer von Campinos nicht allzu ernstzunehmenden Sprüchen? Seelentherapie auf der Tour? Die WhatsApp-Gruppen und Foren überschlugen sich nach dieser Ankündigung, genauso wie mein inneres Glücksgefühl. Ich selbst wurde hinterher immer und immer wieder darauf angesprochen, ob ich es gewesen wäre, der den Gesang initiiert hatte, denn viele Freunde und Bekannte wussten, wie sehr ich mir diesen Song seit Jahren wünschte.

„Nur einmal Seelentherapie live hören, dann kann ich sterben.“, scherzte ich oft genug. Doch ich musste leider zugeben, dass ich zwar schnell mit eingestimmt hatte, aber der Beginn kam woanders her.

Insgesamt war es für mich ein deutlich besseres Set als vorgestern in Kopenhagen. Die Menge war enthusiastischer, die Location besser durchlüftet, was allerdings am Schweiß aller Anwesenden nichts änderte. Ich schrieb mir auf meine mentale Todo-Liste, dass das nächste Tourshirt aus meiner Leitung einen besseren, atmungsaktiveren Stoff benötigte. Triefnass standen wir hinterher da. Wir schauten uns an und wir waren uns einig: Das war besser als das letzte Mal. Die Jungs sind wieder da und sie haben Bock! Natürlich kamen wir hinterher am strategisch eher fragwürdig plazierten Wohnmobil von Ingo vorbei, tranken gemeinsam unser Bierchen und freuten uns auf Warschau.

© by „Europatour DTH“-Gruppe

02. September – Warschau

Ich saß am Flughafen in Stockholm und klappte gerade meinen Arbeitslaptop auf, als dieser mich darauf hinwies, dass ich gefälligst meinen regulär beantragten Urlaub zu respektieren hatte. Ich hatte glatt vergessen, dass ich vorsorglich noch zwei zusätzliche Tage rund um Warschau eingereicht hatte. Das kam mir zugute, so konnte ich ein paar Minusstunden aus den letzten und den kommenden Tagen wettmachen beziehungsweise vorarbeiten.

Als Die Toten Hosen im Jahr 2019 das letzte Mal in Polen, also in Warschau und Krakau, spielten, hatte ich keine große Gelegenheit, mir die Stadt anzuschauen. Ein paar von uns hatten sich eine Führung durch das Warschauer Ghetto geben lassen. Doch das zählt zu den Sachen, die ich psychisch sicherlich nur schlecht verarbeiten kann, und damit ausließ. Stattdessen fand ich mich bei einer sehr feuchtfröhlichen Gartenparty ein, die ein Pole für die Fans schmiss. Sagen wir es so: Einige der Gäste hatten das Konzert danach ganz sicher nicht mehr mitbekommen. Dieses Jahr wollte ich den Besuch der Warschauer Innenstadt unbedingt nachholen, weswegen mein Flug von Stockholm möglichst früh terminiert war, natürlich ohne dass die Uhrzeit allzu unmenschlich geriet. Der Zug kam diesmal nicht in Frage, einfach weil die Strecke zurück über Kopenhagen und Berlin dann wirklich lang geworden wäre, was meinem Wunsch, die Stadt zu besichtigen, definitiv zuwider gelaufen wäre. Letztlich kann ich sagen, dass die Warschauer Altstadt tatsächlich spannend und insbesondere deswegen beeindruckend ist, weil sie zwar altertümlich, teilweise mittelalterlich wirkt, jedoch im Krieg von den Nazis dem Erdboden gleich gemacht worden war und demnach erst in den letzten Jahrzehnten möglichst originalgetreu wieder aufgebaut worden ist – ein Fakt, der mir so vorher nicht bekannt gewesen ist.

Am ersten Abend – es war schon dunkel – spazierten wir zu unserer Unterkunft. Dabei kamen wir an einem Gebäude vorbei, vor dem eine Dinosaurierfigur stand. Natürlich war es klar, dass der erste Tagesordnungspunkt morgen wohl ein weiterer Museumsbesuch sein würde, diesmal im Geologischen Museum der hiesigen Universität. Es soll ja keiner behaupten, wir Punkrock-Fans seien unkultivierte Gesellen, nicht wahr?

Als Crissi und ich danach entspannt durch die Altstadt schlenderten, riefen von der anderen Straßenseite ein paar Bekannte aus einer Bar zu uns hinüber. Wir setzten uns zu ihnen und genossen ein gemeinsames Bierchen. Kuddel hätte ihnen dieses Restaurant vor ein paar Minuten empfohlen. Tatsächlich kam er, in seinen wunderbar bunten, beinahe clownesken Anzug gekleidet, kurz darauf schon wieder vorbei.

„Na, habe ich zu viel versprochen?“, grinste er augenzwinkernd und lief, uns einen schönen Resttag bis zum Konzert wünschend, weiter entspannt die Straße hinunter.

Warschaus Stodoła-Club. Der Ort meiner beschämendsten Hosen-Geschichte. Diesmal sollte es anders werden. Wir freuten uns riesig, denn so manch bekanntes Gesicht tauchte auf, das wir bisher nicht gesehen hatten. So kündigte sich beispielsweise neben den zahlreichen bekannten und liebgewonnenen polnischen Fans Nico an, der Sänger der wohl besten Hosen-Coverband überhaupt, den Conejos Muertos aus Argentinien. Es würde sein erstes Die-Toten-Hosen-Konzert in Europa werden, schrieb er mir im Vorfeld aufgeregt. Ein wirklich aufgeweckter, freundlicher und sehr herzlicher Zeitgenosse, der die Gesangsstimme eines jungen Campinos besaß und eine deutlich größere Textsicherheit aufwies als das Original. Zu meiner Freude trug er das erste Fan-Trikot, das ich gestaltet hatte, das Argentinien-Trikot von 2018, welches ich ihm vor einiger Zeit persönlich geschenkt hatte. Es war sehr lustig beim Konzert neben ihm zu stehen. Vorn Campino, der noch nicht einmal Eisgekühlter Bommerlunder auf die Bühne brachte, ohne sich zu versingen, und links neben mir sein quasi jüngeres Ich, das voller Enthusiasmus mit einer göttlichen Stimme jedes Lied seiner Idole fehlerfrei mitgröhlte. Was für ein Fest – und diesmal ganz ohne Mittelfinger!

Ich muss gestehen, dass ich allerdings mit der polnischen Art von Konzertgenuss nicht wirklich warm werde. Gerade mit einer Rippenprellung spürte man sehr, dass die Polen ein doch eher körperlich betontes Volk zu sein scheinen. Natürlich gibt es das Gedrängel und die Mosh-Pits überall – ohne das wäre ein Punkrock-Konzert nicht komplett. Jedoch gibt es große Unterschiede: Es macht einen Unterschied, ob man miteinander agiert oder eher egoistisch seine Ellenbogen ausfährt. Leider empfand ich das polnische Publikum als eher aggressiv, weswegen ich mir dieses Mal nach einigen Songs eine ruhigere Zone aussuchte, eben jene, in der ich dann auch Nico antraf.

© by „Europatour DTH“-Gruppe

Es gab kein Seelentherapie – natürlich. Wie realistisch war das auch? Ich meine, ein Fünf-Minuten-Epos mit stets wechselndem Rhythmus, wenn Campino nicht einmal Eisgekühlter Bommerlunder singen konnte? Aber noch hatten sie Zeit, zu üben. Nur hoffentlich nicht erst zum Tourabschluss in Brüssel – da würde ich nicht mehr dabei sein.

Nach dem Hosen-Auftritt, das ich aufgrund der für mich etwas zu aggressiven Art der polnischen Fans gedanklich eher hinter den Kopenhagen- und Stockholm-Konzerten einsortierte, sammelten sich die üblichen Verdächtigen in leichtem Nieselregen am Wohnmobil von Ingo. Das übliche After-Show-Bierchen wurde diesmal vom Ungaren Viktor gesponsort, denn das von Ingo hatten wir bereits in Skandinavien vollständig geplündert. Er musste erst einmal nachfüllen fahren. Eines der wichtigsten Gesprächsthemen war diesmal aber nicht das Konzert, es waren die angekündigten Streiks in London und Paris…

[Fortsetzung]