Ich gebe zu, Mitte des Jahres ist womöglich nicht der optimalste Zeitpunkt, um über Silvesterböller zu reden – denn niemand interessiert sich dann dafür. Insbesondere in Medien und Politik ist das Thema nur wenige Tage um den Jahreswechsel interessant, in denen große Reden geschwungen und noch größere Versprechen gemacht werden, nur um diese dann in den größten Schubladen zu versenken – für nächstes Jahr. Vielleicht ist es auch deshalb ein guter Zeitpunkt, um das Thema allgegenwärtiger zu machen.
Ich bin gerade zufällig wieder über diesen Text gestolpert und mag ihn als Statement immernoch sehr, weshalb ich ihn einfach zeige, leicht kommentiert, wenn notwendig. Er entstand im Rahmen einer (alljährlichen) Diskussion im dth-live.de-Forum kurz nach Neujahr, indem es zwischen den beiden Fraktionen „Total für ein Verbot“ und „Total gegen ein Verbot“ heiß herging und keiner der Beteiligten in irgendeiner Weise versuchte, über die Argumente und Standpunkte des anderen nachzudenken.
Dieser Text erschien zuerst am 03.01.2023 im dth-live.de-Forum.
Ich habe das Gefühl, dass wir mal wieder bei einem Thema angekommen sind, bei dem das Wort „Kompromissbereitschaft“ verloren gegangen ist. In den letzten Jahren ist es gut zu beobachten gewesen, dass sich zwei Fraktionen spalteten und kaum ein Haar daran lassen, sich die Gegenposition ernsthaft anzuhören, darüber nachzudenken und sich in der Mitte zu treffen. Es geht nur noch ums Gewinnen, und wenn die Entscheidung nicht zu einhundert Prozent zugunsten der eigenen Meinung ausfällt, ist es eine Niederlage, die es absolut zu verhindern gilt. Und deshalb gibt herrscht überall nur noch Krieg. Und deshalb kommt Politik nicht mehr voran. Das Feingefühl scheint der Menschheit abhanden gekommen zu sein.
Auch wenn ich es für sinnlos erachte, versuche ich meinen Standpunkt ebenfalls darzulegen.
Als ich vor vielen Jahren das erste Mal Silvester in einer Großstadt verbrachte, hatte ich durchgehend nur Panik. Und zwar nicht nur auf den Straßen, sondern auch drinnen. Draußen wurden achtlos Knallkörper aller Art blind oder gar absichtlich mitten in Menschenmengen geworfen. Keiner tat etwas dagegen. Drinnen flogen im Minutentakt Raketen absichtlich oder unabsichtlich gegen die Scheiben oder auf den Balkon. Es herrschten Kriegszustände. Und so mancher Bekannte wurde dabei leicht verletzt bzw. trug einen temporären (?) Hörschaden durch zu nah am Ohr explodierende Feuerwerkskörper davon.
Mittlerweile weiß ich mich entsprechend zu schützen und zu bewegen. Spaß ist jedoch etwas anderes.
Freiheit endet dort, wo die Freiheit eines anderen bedroht wird. So steht es sinngemäß im Grundgesetz. Und hier geht es nicht um ein bisschen Krach ein paar Stunden lang. Hier geht es teilweise um echte Gesundheitsgefährdungen. Jeder, der sich einmal zu Silvester in Berlin bewegt hat – der größte Horror war für mich allerdings nicht Kreuzberg oder das Märkische Viertel in Berlin, sondern die Hamburger Landungsbrücken – der weiß, dass es sich hier auch nicht um ein paar einzelne Idioten handelt, sondern um eine signifikante Menge von Menschen, die Spaß daran haben, andere bewusst zu erschrecken und gesundheitliche Schäden billigend in Kauf nehmen. Dazu kommt, dass es sich hierbei nicht um wenige Stunden, sondern um einen Zeitraum von bis zu vierzehn Tagen handelt.
Auch ich habe es als Kind geliebt, Dinge anzuzünden. Natürlich hatte ich meinen Spaß daran, Dosen in die Luft zu jagen. Aber all dies tat ich stets abseits von Menschen auf freien Feldern oder ähnlichem. Und natürlich würde ein Verbot von Knallfröschen genau diese jugendliche Neugier und die Experimentierfreudigkeit beschneiden. Doch ich bin sicher, mit etwas Willen lässt sich diese Neugier bei Kindern auch anders kanalisieren. Ich bin sicher, dass das Leben auch weiterhin lebenswert bleibt, auch wenn man eben nicht zu Silvester Knaller anzünden darf. [Bezugnehmend auf ein Argument, dass Kindern eine Experimentiermöglichkeit genommen würde; Anm. 2025]
Doch solange es nicht möglich ist, dass eine signfikante Masse von Menschen sich nicht wie vollständige Idioten aufführt, so lange muss der Rest der Bevölkerung vor ihr geschützt werden. Das hier aufgegriffene Argument von harter Bestrafung der konkreten Täter ist vollkommen nachvollziehbar, jedoch komplett an der Realität vorbei. Nirgends in Deutschland wird auch nur ein Polizist aktiv jemanden festnehmen, wegen der Anzeige eines falsch verwendeten Böllers, weil in den allermeisten Fällen überhaupt nicht nachweisbar wäre, wer wo welchen Knallkörper geworfen hätte. Die Polizei ist so schon vollständig ausgelastet – an Silvester sowieso -, dass es komplett undenkbar ist, dass da eine sinnvolle Menge an Beamten durch die Häuserschluchten Marzahns patrouillieren könnten, um an jeder Wohnung eines Zwanziggeschössers zuzugreifen, aus der gerade mal wieder eine Rakete nach unten auf Spielplätze abgefeuert wurde.
Was die sekundären Themen Müll und Tierschutz angeht: Ersteres liegt ganz klar auf der Hand. Gerade abseits von Großstädten, in welchen meiner Erfahrung nach die Müllabfuhren grandiose Arbeit leisten in den Folgetagen, finden sich Unmengen an Raketenresten oder ähnliches teils Monate im Wald oder auf Feldern wieder. Es ist also mitnichten ein rein städtisches Problem. Denn auch wenn es auf Dörfern wohl weniger kriegsähnlich zugehen mag, so ist dort das Reinigungsproblem sehr viel präsenter. Warum müssen sich denn für die wenigen Sekunden Freude der zündelnden Person die vielen anderen Menschen, die einen Waldspaziergang machen, über die abgebrannte Rakete ärgern? Den sekundären Teil, also der, nachdem der Müll sauber entsorgt wurde, kann ich mangelns detaillierteren Wissens nicht genau beleuchten. Allerdings liegt es auf der Hand, dass hier eine sehr große, zusätzliche und potentiell unnötige Belastung der Umwelt durch tonnenweise zusätzlichen Plastik- und Papiermüll vorliegt, nicht zu vergessen die daran klebenden Rückstände von Chemikalien, Sprengstoffen und Verbrennungen. Auch hier haben wir die Frage nach dem Wohl der Gesamtgemeinschaft. [Bezugnehmend auf ein angesprochenes Problem des Recyclings der eingesammelten Knallkörper; Anm. 2025]
Und die Tiere? Es freut mich für alle Tierbesitzer, deren Hunde und Katzen entspannt bleiben. Aber dies kann wahrlich nicht auf die Allgemeinheit projiziert werden. Habt ihr schon einmal einen Böller vor einem Tierheim erlebt? Dann seht ihr, wie entspannt die meisten Tiere sind. Meine Katze, beispielsweise, ist mehrere Tage komplett verängstigt. Und es geht auch nicht nur um Haustiere: Es gibt Wildtiere, die Winterschlaf halten, es gibt Tiere im Wald, die mit dem oben angesprochenen Müll leben müssen. Wir als Menschheit müssten doch langsam gelernt haben, dass alles in einem empfindlichen Verhältnis zusammen lebt, das wir wirklich so schon genug stören.
Leute, die sagen, wegen einmal im Jahr bräuchten wir doch keine Regulierung, übersehen gerne, dass wir viele einmalige Sachen haben, die doch keine Regulierung bräuchten. Wir haben doch nur einmal Silvester im Jahr, wir haben doch nur einmal ein Fußballspiel die Woche, wir haben doch nur einmal ein Die-Toten-Hosen-Konzert alle zwei Jahre, wir haben doch nur einmal Stau pro Stunde, wir haben doch nur eine menschengemachte Klimaveränderung pro Zeitalter. Doch die Summe macht es. Jedes dieser „einmaligen“ Dinge bringt genug Idioten hervor, die sich unmenschlich daneben benehmen können und das Wohlbefinden vieler anderer massiv einschränken. Für sie ist es ein kurzer Moment der Party, die anderen haben aber möglicherweise viel häufiger das Gefühl, eingeschränkt zu sein.
Während für mich das Beispiel mit dem Konzertverbot eher polemisch ist, weil gerade OpenAir-Konzerte gerade wegen Lärmschutz sehr stark zeitlich eingeschränkt sind und auch die Beseitigung von Müll meistens recht geordnet vonstatten geht, sieht die Gesamtheit „Silvester“ für mich ganz und gar nicht danach aus, als hätte hier irgendwer irgendetwas im Griff. Und würde man einmal versuchen, im Fußballstadion Einsatzkräfte zu beschießen, dann würde man sehr schnell zu spüren bekommen, wie sehr der Vergleich hinkt. [Bezugnehmend auf eine Polemik, dass Konzerte und Fußballspiele ja auch Lärm und Müll verursachen und unreguliert sein würden; Anm. 2025]
Ja, auch ich denke, immer gleich mit Gesetzen oder Verboten zu kommen, ist sicherlich mit großer Vorsicht zu genießen. Aber was Sprengstoff in den Händen einer potentiell betrunkenen Masse anrichten kann, habe ich viele Jahre erleben müssen. Hier kann nicht mehr auf die Vernunft des Einzelnen gezählt werden, denn mehr denn je gibt es diese Vernunft nicht mehr, an die man appelieren könnte. Das Wohl des Gegenübers ist egal, solange ich meinen Willen bekomme. Kompromisse sind kaum noch möglich. Es herrscht Krieg.
Und Krieg gehört verboten.
