Ruminarium

Zurschausstellung meiner Grübeleien


Leben ist tödlich. Die Räuber.

Besuche von klassischem Theater sind bei mir eher die Ausnahme. Wenn ich länger darüber nachdenke, komme ich auf einmal Shakespeare bei mir um die Ecke und danach lande ich schon in der Schulzeit bei einer unfassbar drögen Interpretation von Lessings Nathan, der Weise. Umso erstaunlich war, dass ich mich gestern plötzlich im Zug wiederfand, in Richtung der Theaterfestspiele Bad Hersfeld.

Die Kulisse war atemberaubend. Spielort der Bad Hersfelder Festspiele ist seit Jahren die Stiftsruine, eine alte Kirchenruine, deren alte Gemäuer geradezu prädestiniert sind für klassische Dramen. Friedrich Schillers Die Räuber war mir vom Titel durchaus ein Begriff, aber meine, durch einen komplett demotivierenden Deutschunterricht der Schulzeit am Boden zerschellte, Begeisterung für derlei Literatur verbot es geradezu, auch nur einen kleinen Blick in entsprechende Werke zu werfen. Und doch erstand ich vor wenigen Tagen kurzerhand eine Theaterkarte. Ich erwartete geschwollene Sätze und tat meiner Meinung nach gut daran, mich im Vorfeld kurz mit dem Inhalt des Stückes vertraut zu machen. Das alte Büchlein bei uns im Schrank roch zwar verlockend, wie es alte Bücher zu tun pflegen, doch allein die textliche Aufmachung eines Dramas und die altdeutsche Schrift verwiesen mich dann direkt an die Wikipedia. Die dort zu lesende Inhaltszusammenfassung bestätigte meine Haltung zur Weltliteratur dieser Kategorie augenblicklich. Worauf hatte ich mich hier eingelassen?

© by Bad Hersfelder Festspiele

Im letzten Jahr hatte Campino von Die Toten Hosen einen zweiteiligen Vortrag über den Einfluss von Literatur auf seine Songtexte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf gehalten, der mittlerweile als durchaus gut lesbares und spannendes Buch nachzulesen ist. Vielleicht war es genau dieses Manuskript, das den Theaterregisseur Gil Mehmert dazu brachte, über die Musik dieser deutschen und deutschsprachigen Band im Kontext klassischer Literatur deutscher Dichter nachzudenken. Jedenfalls lockte mich die Ankündigung von Die Räuber von Friedrich Schiller – Mit den Songs von Die Toten Hosen in diese nicht ganz um die Ecke befindliche Kleinstadt. Ich war durchaus gespannt, was mich erwarten würde. Ich hatte eine grobe Idee einer möglichen Darbietung, denn immerhin umfasst das Werk der Band mittlerweile an die sechshundert Titel und ich bin ziemlich sicher, dass man zu beinahe jeder theatertauglichen Situation passende Texte finden würde. Tragödien, Romanzen, Komödien – und natürlich passt insbesondere der frühe Punk geradezu maßgeschneidert auf die anarchistisch veranlagten Räuber bei Schiller. Es blieb für mich letztlich nur die Frage einer konkreten Umsetzung. Würde die Geschichte ausschließlich anhand von Songtexten erzählt werden? Das wäre definitiv eine spannende Möglichkeit, aber sicherlich nicht massentauglich für ein allgemeines, bunt gemischtes Festspielpublikum. Auch eines dieser unsäglichen Musicals, wie es sie zuhauf mit der Musik von ABBA, Queen oder Udo Jürgens gibt, konnte, nein wollte (!), ich mir nicht vorstellen. Die Spannung stieg.

„Ich bin gestern, als ich barfuß war
auf einer Frage ausgerutscht […]

Wofür man lebt, wofür man lebt.“

Geradezu perfekt leiten diese Liedzeilen das Stück ein und bringen damit die grundsätzlichen Zweifel des Karl Moor am Leben und der Gesellschaft auf den Punkt. Ich gebe zu, schon diese ersten Sekunden waren für mich ein einziger Gänsehautmoment. Natürlich die Lieder selbst, die meine innere Sucht nach dieser, meiner Band – aber auch die absolut stimmige und nicht gerade gewohnte Interpretation, die abgewechselt wurde mit den klassischen, originalen Worten Schillers.

Auf der Bühne befanden sich etwa bis zu fünfzehn Darsteller, flankiert von je zwei Musikern auf beiden Seiten mit klassischer Rockbesetzung Gitarre, Schlagzeug und Bass, ergänzt um ein Keyboard, das für die eher klassischeren Töne, wie etwa den Klang eines Pianos, zuständig war. Die nächsten zweimal eineinhalb Stunden bekamen wir ein sehr spannendes und vielleicht einzigartiges Theaterstück zu sehen, welches den sehr klassischen Stoff originalgetreu in weitestgehend klassischen Kostümen darbot, wie es im Prinzip vor zweihundert Jahren auch aufgeführt gewesen sein könnte – nur eben unterbrochen von Liedern, die deutlich weniger Jahre alt waren. Die dargebotenen Die Toten Hosen-Songs dienten weniger der Fortführung der Handlung, die einzig dem Schiller-Werk selbst vorbehalten war, als vielmehr der Vertiefung der Gefühle und Gedanken der Protagonisten. Wie ich im Nachhinein erfuhr, hatte Schiller selbst an manchen Stellen Gesangsstücke im Werk vorgesehen, deren Stellen hier natürlich ebenso für die entsprechenden, moderneren Varianten genutzt wurden.

Denkt man an die Songs der Band, würden sicherlich selbst einem weniger mit dem Werk vertrauten Menschen ad-hoch fünf bis zehn Lieder einfallen, allen voran vielleicht Tage wie diese. Und all diese Lieder wurden nicht gespielt. Vielmehr konzentrierte sich die Auswahl der Lieder auf sehr viele eher unbekanntere Sachen, allen voran Balladen. Ich habe viele sehr verwunderte Gesichter gesehen und in der Pause sogar einige Diskussionen mitbekommen, in denen die Frage gestellt wurde, wann denn nun die versprochenen Die Toten Hosen-Songs kommen würden. Überhaupt kann man diese überaus spannende Selektion als die vielleicht beste Zusammenfassung des Hosen-Gesamtwerks in Sachen tiefgründiger, philosophischer Songs überhaupt betrachten, meiner Meinung nach. Einige der dagebotenen Stücke stellten selbst die hartgesottensten Fans in Sachen Textsicherheit auf die härtestmögliche Probe (Ich meine, Bis der Boden brennt – euer Ernst?! Da weiß die Band vermutlich selbst nicht einmal, dass es den Song überhaupt gibt!). Mir gefiel es. Insbesondere, weil hier Sachen gespielt wurden, die man sonst live niemals dargeboten bekommt und deren Tiefgründigkeit ich selbst vielleicht bis dahin noch gar nicht in der Form erfasst hatte. So wurde selbst mir eine neue Facette der Die Toten Hosen eröffnet.

Am meisten hat mich beeindruckt, wie nahtlos diese beiden Epochen ineinander griffen. Die ausgewählten Stücke, manchmal nur einzelne Strophen, manchmal auch zerrissen und um die klassischen Texte herum drapiert – ja, komponiert, möchte man sagen. Und doch wirkten sie stets so, als würden sie dazu gehören. Ich hatte stets das Gefühl, dass die lyrischen Aussagen, ja selbst die Wortwahlen Schillers und der Hosen einander absolut glichen, und sich inhaltlich so perfekt ergänzten als wären sie füreinander erdacht worden. Ohne auch nur entfernt Ahnung vom Theater oder dem dramaturgischen Werk Schillers zu haben, stelle ich die steile These auf, dass die Charaktere in Die Räuber durch die zusätzlichen Texte, und die durch die Musik ermöglichten Emotionen vielleicht noch nie tiefgründiger waren als in dieser Inszenierung Mehmerts. Die perfekt gewählten Darsteller taten ihr Übriges dazu, denn sie überzeugten nicht nur durch ihre klassische Schauspielkunst auf ganzer Linie, sondern auch als Interpreten der vielleicht emotionalsten Teile eines gigantischen Punkrockgesamtwerks.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich gestern ein sehr beeindruckendes Stück Kunst erleben durfte. Nicht nur als Die Toten Hosen-Fan, sondern vor allem als in Sachen Theater und deutscher, klassischer Literatur eher unbedarfter, ja vielleicht sogar ablehnend gegenüber stehender Mensch muss ich den Hut ziehen. Denn ich wurde tatsächlich vor allem von dem Stück selbst überzeugt und ich muss klar sagen, dass die Wikipedia diesem ein wenig Unrecht tut. Natürlich darf man über die tieferen logischen Handlungen und Wendungen eines solchen Dramas nicht genauer nachdenken, aber das grundsätzliche Werk hat mir im Endeffekt sehr gut gefallen. Ich kann wirklich jedem Menschen, der sich für Kunst interessiert, nahelegen, jede Gelegenheit zu nutzen, diese atemberaubende Fusion aus letztlich durchaus geschwollenen Texten und philosophischem Punk zu erleben, die das ursprüngliche Werk erst jetzt zu vollenden scheint.

PS: Tatsächlich konnte man Tage wie diese endecken, wenn man genau hinhörte, aber nur ganz kurz. Wo, das bleibt aber mein kleines Geheimnis – ihr sollt ja auch noch euren Spaß bekommen!